Philosophische Tagesmails

Tanz des Aufruhrs XXX

Tagesmail - Mittwoch, den 26. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXX,

Einige begreifen sofort: Der Mann im Mercedes muss ausgeschaltet werden, bevor er weiterfahren kann und noch mehr Menschen verletzt. Unter ihnen ist eine 16-Jährige, die zur Heldin wird! Sie berichtete, was sie in diesen dramatischen Sekunden am Tatort erlebte. Wie sie zuerst ihre Mutter, die auch vom Auto getroffen worden war und Prellungen erlitten hatte, von der Straße zog. Wie sie sich vergewisserte, dass ihre Schwester und deren Freundin in Sicherheit waren. Dann sei sie direkt zum Auto gelaufen, um den Fahrer zu stoppen: „Ich habe die Beifahrertür aufgerissen und wollte den Schlüssel rausziehen. Er packte mich an den Haaren, begann mich zu würgen, hat immer wieder versucht, das Auto zu starten, das aber nicht geschafft.“ Im nächsten Moment seien drei kräftige Männer von der anderen Seite gekommen. Sie hätten auf Maurice Pahler eingeschlagen. Unheimlich: Pahler habe dabei nicht ein Wort gesagt. Die mutige Helferin: „Der hat einen total leer und tot angeguckt und dabei so zufrieden gewirkt. Das war angsteinflößend, wie zufrieden er gewirkt hat.“ (BILD.de)

Mörder und Verbrecher haben Namen und Gesichter, die millionenfach verbreitet werden – Helden müssen anonym bleiben. Wenn‘s hoch kommt, dürfen sie ihre Heldentaten in ein Mikrofon erzählen. Nach ihren Gründen und Motiven wird nicht gefragt. Morgen hat man sie vergessen.

Das Gute versteht sich von selbst, das Diabolische muss den status mundi repräsentieren. Eine Gegen-BILD mit heldenhaften Gutmenschen unter Minimalisierung der Bösen wäre ein Rohrkrepierer.

Ist es kein gutes Zeichen, wenn das Gute die Norm ist, worüber nicht viel gesprochen werden muss – und das Böse die schreckliche Ausnahme, die in die Welt gebrüllt werden muss, um sie zu warnen und aufzurütteln?

Nichts geredet ist genug gelobt, ist das Motto einer Welt, in der das Gute als normal gilt: die notwendige Selbstüberprüfung der Normalität aber wird durch Schweigen erstickt. Vergeht aber kaum ein Tag, an dem nicht das Böse die Schlagzeilen beherrscht und das Gute von elitären Moralhassern verhöhnt ...

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Tanz des Aufruhrs XXIX

Tagesmail - Montag, den 24. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXIX,

ihre Partei ist zerrüttet, ihre Nation ist demoliert. Und dennoch heißt es:

„Nun kann nur noch Angela Merkel helfen." (TAGESSPIEGEL)

„Angela Merkel hat Maßstäbe gesetzt.“ (SPIEGEL)

Wovon reden wir? Von deutscher Logik. Sie macht die Böckin zur Gärtnerin. Die Böckin aus Unfähigkeit zur Gärtnerin aus christlicher Liebe.

„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.“

Agape, christliche Nächstenliebe, macht alle irdische Politik – die Kunst des guten Lebens auf Erden – wesenlos. Denn die Welt geht vorüber: weshalb alles Irdische zum Stückwerk wird: das Erkennen und Reden aus Eingebung. Erkennen ist heidnisch, alles Heidnische unvollkommen:

„Wenn aber das Vollkommene kommen wird, dann wird das Stückwerk abgetan werden.“

Poppers Stückwerktechnologie ist ein Kotau vor dem Christentum, ein Verrat an der sokratischen Logik selbstbestimmter Moral. Denn seine Verwerfung der Utopie steht unter dem Verdikt der Religion: alles Vollkommene muss das Privileg des Himmels bleiben. Der Mensch muss unvollkommen sein, damit der Himmel sein perfektes Alleinstellungsmerkmal nicht verliert – und den Menschen zum Konkurs zwingen kann, um ihn zu erlösen.

Was wollte Sokrates? Er war ein Unruhestifter, eine lästige Bremse, die einem edlen Ross Stiche versetzt, damit es nicht zu träge wird. „Seine Menschenprüfung hat den Zweck, die Leute zur Selbstbesinnung zu bringen, zum Nachdenken über das, was sie eigentlich wollen, über Sinn und Ziel ihres Lebens. Er nennt das ...

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Tanz des Aufruhrs XXVIII

Tagesmail - Freitag, den 21. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXVIII,

„Ich will trotzdem die Augen nicht davor schließen, denn nochmals: besser, aufrichtiger heiterer und produktiver als der Hass ist das Sich-wieder-Erkennen, die Bereitschaft zur Selbstvereinigung mit dem Hassenswerten, möge sie auch die moralische Gefahr mit sich bringen, das Neinsagen zu verlernen.“ (Thomas Mann, Bruder Hitler)

Sich-wieder-Erkennen ist keine Selbstvereinigung mit dem Hassenswerten, sondern Lernen, das Böse wahrzunehmen, um es zu überwinden. Wer das Erschreckende furchtlos anschaut, jagt es davon. Die Gefahr, das Hassenswerte zu bejahen, besteht, wenn man Angst hat, es zur Kenntnis zu nehmen.

Wer sich als Deutscher fürchtet, Bruder Hitler in sich zu erkennen, hat das verbrecherische Erbe seiner Väter und Mütter nicht verstanden. Was man nicht versteht, hat man nicht bewältigt.

Der Hass in Deutschland beginnt, überhand zu nehmen: der Hass gegen den Hass, welcher entsteht, wenn man Hass nicht verstehen will. Was man nicht versteht, kann man nicht bekämpfen. Polizei und Verschärfung der Gesetze werden nicht ausreichen, um den schädlichen Virus in den Köpfen zu verjagen. Schon gar nicht eine Polizei, die an allen Ecken und Enden versagt – oder versagen will?

Die Deutschen schreien auf vor Selbstgerechtigkeit. Sie begehren, nicht schuld daran zu sein an Verbrechen mitten in der Gesellschaft. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand, fühlen sich attackiert und müssen – vor sich selbst – ihre eigenen Anklagen zurückweisen.

Eine christliche Nation, in vielen Jahrhunderten genötigt, ihre eigene Gerechtigkeit zu verdammen, um Gottes Fremdgerechtigkeit zu übernehmen, schäumt in Selbstgerechtigkeit. Das Böse in ihrer Mitte darf nichts mit ihnen zu tun haben. Es muss fremd, unbegreiflich, unfassbar und unerklärlich bleiben. Der kleinste ...

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Tanz des Aufruhrs XXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 19. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXVII,

nun kommen die Denker. Nachdem die Politik versagt hat, dürfen die Weisen ran.

Es treten auf der chinesische Philosoph Zhao Tingyang und der unkorrumpierbare Weltkritiker Noam Chomsky:

„Zhao beginnt mit einer deprimierenden Diagnose. Die Welt, schreibt er, sei in einem beklagenswerten Zustand, geprägt von seit Jahrzehnten ungelösten Konflikten, geplagt von Ungleichheit, bedroht vom Klimawandel, dominiert vom internationalen Finanzkapitalismus und überfordert von technischen Innovationen, deren Folgen niemand abzuschätzen weiß. Nicht einzelne "failed states" seien das Problem der Gegenwart, "sondern eine gescheiterte Welt". Anders als in staatlichen und zwischenstaatlichen Konflikten verfüge die westlich geprägte Weltordnung über kein taugliches Werkzeug, die Probleme der Welt im Ganzen zu lösen.“ (SPIEGEL.de)

Warum hören wir erst jetzt von diesem Kritiker des Westens? Warum gibt es täglich 100e von Corona-Virus-Meldungen, aber keine einzige Reportage über die Erben des Konfuzius?

Worin unterscheidet sich Zhaos Kritik am Westen von Chomskys Kritik an Trumps Amerika?

„Hat Trump darüber hinaus noch viel schlimmere Verbrechen begangen? Darüber lässt sich kaum streiten. Jeder seiner Schritte ist dem Ziel gewidmet, den Wettlauf in die Katastrophe zu beschleunigen, mit weniger wichtigen Schatten wie Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro und dem australischen Premierminister Scott Morrison im Gefolge.“ „Nebenbei hat er beiläufig die Überreste des Rüstungskontrollregimes demontiert, das für ein gewisses Maß an Sicherheit vor einem tödlichen Atomkrieg gesorgt hatte, was die Rüstungsindustrie in Jubel ausbrechen ließ. Und wie wir gerade erst erfahren haben, hat der große Pazifist, der sich für die Beendigung der Interventionen einsetzt, „im vergangenen Jahr in Afghanistan mehr Bomben ...

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Tanz des Aufruhrs XXVI

Tagesmail - Montag, den 17. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXVI,

zuerst durfte das Kind herumtollen, seiner Intelligenz freien Lauf lassen. Dann kamen zwei Damen des Staates und nahmen den Knaben in die Mitte. Kälte breitete sich aus. Zu wirren Zeichnungen sollte er eine Geschichte erfinden. Er verstummte. „Dieses Kind ist nicht schulfähig, es verweigert den Gehorsam“, lautete das Ergebnis des Tests.

Das war der erste Kontakt eines Kindes mit dem Staat.

Kaum ein Kind, das sich nicht auf die Schule freut. Gebt ihnen sechs bis zehn Wochen und die Freude ist verschwunden.

Danach viele Jahre schulischer Angstagentur zur Anpassung an die Anforderungen der Wirtschaft, die keine politischen Eingriffe in ihre Geschäfte duldet, sich aber überall einmischt, was in einer Demokratie das Volk zu entscheiden hätte, aber nicht entscheiden darf, weil die Wirtschaft kein Volk kennt – außer Lohnabhängigen, die zu tun haben, was die Wirtschaft von ihnen will –, sondern nur den „Staat“ der Politiker: der ohne zu murren die Weisungen der Wirtschaft befolgen muss.

Schon Kinder müssen „Geschichte“ erfinden oder – vornehmer – ein Narrativ. Ein Narrativ ist die Lieblingsbeschäftigung sinnstiftender Literaten und Ästheten. Verständlich in der Kultur dreier Erlösergeschichten: was nicht zusammengehört, wird als Wille Gottes zusammengeschweißt, ob es will oder nicht. Wer heilige Geschichten erfinden und erzählen kann, ist ein Religionsgründer.

Die Fähigkeiten eines Kindes werden danach beurteilt, in welchem Maß es sich eine scheinreligiöse Geschichte ausdenken kann. Und das unter dem Vorwand, seine Intelligenz zu prüfen. Zwar weiß niemand, was Intelligenz ist, doch jeder muss ...

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Tanz des Aufruhrs XXV

Tagesmail - Freitag, den 14. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXV,

„Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts setzte bei vielen Menschen das Gefühl ein, in einer Zeit zu leben, die sich schier unkontrollierbar beschleunigt. Das war mehr als ein subjektiver Eindruck: Das Tempo der technischen, politischen, sozialen und ökonomischen Entwicklungen vervielfachte sich tatsächlich. Zugleich verstärkte sich die Sorge, dass die politischen und sozialen Krisen, deren Zeuge man wurde, zu einer überwältigenden Katastrophe anwachsen könnten. Der Eindruck, dass die politischen Ereignisse über die Gegenwart hinwegrollen, verschärfte sich in den Zwanzigerjahren. Nun aber kam in Deutschland eine neue Angst hinzu, die bald politikmächtig werden sollte: dass man selbst stehen geblieben und von der Zukunft abgehängt worden sei.“ (SPIEGEL.de)

Geschichte wiederholt sich nicht? Sie tut nichts anderes.

Nehmen wir an, sie würde sich nicht wiederholen, was wäre dann? Dann hätten wir keine nennenswerten Probleme, lebten in Glück und Freuden. Wir könnten ständig von vorne beginnen und hätten keine aufgetürmten Altlasten zu tragen.

Unlösbar scheinende Probleme sind uralt, wir haben uns an sie gewöhnt, bemerken sie nicht mehr und empfinden sie als unvermeidliche Bestandteile unseres Geschicks – das wir uns durch unsere „Sünden“ redlich verdient haben.

Geschichte wiederholt sich, weil ihre Grundprobleme gleich bleiben, sich im schlammigen Untergrund ständig verstärken, a) entweder durch gewisse Faktoren überlagert, unterdrückt oder verdrängt werden oder b) in bestimmten Bruchzeiten ...

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Tanz des Aufruhrs XXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 12. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXIV,

Jürgen Klinsmann ist Mr. Germany. Was hat er mit dem Thüringer Debakel zu tun?

Weil es ihm nicht gelang, ein makellos-perfekter Mr. Cleanman zu sein und Bayern München mit einem Schlag zu entzaubern, lässt er Hertha BSC kaltblütig im Abgrund versinken. Er ist nicht perfekt, also zertrümmert er alles hinter sich.

Weil die etablierten Parteien in Thüringen über einen Kieselstein stolperten und sich eine blutige Nase holten, entschieden sie sich, ihrem perfekten Reinheitswahn zu folgen, sich ins Breitschwert zu stürzen und dem sündigen Spuk auf Erden Ade zu sagen.

Was zeichnet die deutsche Nation aus? Ihr dialektischer Wahn, Unverträgliches zu verkleistern und Zusammengehörendes mit der Axt zu spalten.

Unverträglich sind logische und moralische Widersprüche. Im praktischen Leben aber gehört alles zusammen: Widersprüche dürfen nicht zur Heuchelei werden, sondern müssen kritisch in ein kontinuierliches Lernprogramm verwandelt werden.

Werde ich meinem theoretischen Tugendideal nicht gerecht, verleugne aber meine Defizite, indem ich mich perfekter gebe, als ich bin, werde ich zum Heuchler.

Sage ich aber: das Ziel ist utopisch. Vom Ziel bin ich zwar noch weit entfernt, dennoch werde ich meine Handlungen lebenslang an diesem Ideal orientieren, dann nähere ich mich kontinuierlich dem Ideal – in Versuch, Irrtum und kontinuierlichem Gelingen.

Die Theorie ist perfekt. Das praktische Leben sollte sich in fröhlicher Unverdrossenheit dem theoretischen Ziel nähern.

Nur so entgehe ich der Gefahr, Theorie durch Widersprüche zu torpedieren, die lernfähige Praxis menschlicher Entwicklung zu Fall zu bringen.

Entweder sind eins und eins gleich zwei – oder das Ergebnis ist falsch. Nein, sagt ...

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Tanz des Aufruhrs XXIII

Tagesmail - Montag, den 10. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXIII,

in organischen Gebilden gibt es keine Dammbrüche. Da brüchelt es kontinuierlich, bis es zum großen Schlag kommt. Will man an diesem Donnerschlag unschuldig sein, muss man sich einbilden, er sei unvorhersehbar vom Himmel gefallen.

Hätten in der Endzeit Weimars die Anhänger Hitlers – aus welcher List und Tücke auch immer – demokratische Parteien gewählt, wäre Deutschlands Katastrophe verhindert worden.

Es gibt Niederlagen und Niederlagen. Aus einer kleinen Niederlage kann man eine große, ja, irreversible machen, wenn man sich die eigene Niederlage durch Überbetonung des gegnerischen Triumphs zu einer desaströsen aufbauschen lässt. Aus einem faux pas wird dann ein Dammbruch mit unkalkulierbaren Folgen.

AfD, AfD, AfD, AfD: da capo al fine. Alles, was schief läuft, wird – anstatt vor der eigenen „bürgerlichen“ Türe zu kehren – rechtsradikalen Schwachköpfen angelastet, die zu dämonischen Geistern aus der Flasche hochstilisiert werden.

Die Dämonen wissen gar nicht, was ihnen geschieht: über Nacht sind sie zum Dschinn aus der Flasche, zum Homunculus aus der Phiole avanciert. Die Büchse der Angela (einst der Pandora) ist geöffnet, die bislang unterdrückten Plagen der Republik schwirren ins Freie und verdüstern den Horizont.

Ausgerechnet die deutschen Liebhaber des politisch Inkorrekten und Anrüchigen beginnen zu zetern, weil einige Falsche – aus durchsichtigen Gründen – das Richtige taten. Eine Wahl muss korrekt durchgeführt werden. Sonst nichts. Die Wähler müssen keine unschuldigen Chorknaben sein. Es genügt, dass sie formell keine Faschisten sind – was sie nicht sein können, sonst wären sie von Karlsruhe ...

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