Samstag, 18. Februar 2012 - Verantwortungsethik

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Syriens,

will der Westen gar nicht das Ende des Assad-Regimes? Weil dann ein territorialer Machtfaktor in sich zusammenfiele, der bislang für ein Gleichgewicht des Schreckens im fragilen Nahostbereich sorgte?

Will Israel lieber das vertraute Despotenszenario, als eine unberechenbare, in viele Gruppen zerfallende Volksherrschaft?

Die syrische Opposition will keine militärische Unterstützung von außen, aber eine stärkere moralische Unterstützung ihres verzweifelten Kampfes. Assads Schergen haben die Stadt Homs total eingeschnürt, Wasser und Strom abgestellt, die Telefone gekappt. Der Westen hätte längst den Internationalen Gerichtshof in Den Haag einschalten können, sagt der syrische Journalist Ali al-Atassi in einem TAZ-Interview. Es gebe keine internationale Hilfe, kein Rotes Kreuz, keinen Roten Halbmond, kein Verbandszeug, nichts.

Der Song Contest in Baku, Aserbeidschan, ist ein Unternehmen auf der Schneide des Schwerts. Durch Einbeziehen der Diktatur in die westliche Einflusssphäre kann man sich den Transport freiheitlicher Ideen und Lebensgefühle erhoffen, also Wandel durch emotionale Annäherung. Man könnte das ganze Unternehmen aber auch ...

... als listigen Versuch des Regimes deuten, seine Despotie vor den Augen der Welt zu verharmlosen und zu stabilisieren.

Eine ähnliche Debatte gab es im Umkreis der deutschen Ausstellung über die Kunst der Aufklärung, die in Peking den Chinesen rebellische Gedanken vermitteln sollte. (Oder etwa nicht?)

Doch deutsche Aufklärung bedeutet noch lange nicht Demokratie, Kunst ist noch lange nicht politisch. Wenn dann noch Bilder der Romantik zu sehen waren, ohne den Unterschied zwischen Aufklärung und Romantik zu klären, wenn die Ausstellung ganz hinten links versteckt wurde, dass fast kein Einheimischer sich dorthin verirrte, was dann? Dann war das Eitelkeit der Aussteller, die von den dortigen Machthabern mit dem kleinen Finger ausgehebelt wurde.

Als Merkel neulich die neue Weltmacht besuchte, durfte sie, trotz Zusagen, keinem Dissidenten begegnen. Das war die Quittung für raffiniert eingeschmuggelte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Wieso gehen deutsche Intellektuelle mit Aufklärung im Ausland hausieren, im Inland kennen sie den Begriff nicht mehr?

In Baku wird der politisch vertretbare Sinn nicht vom Event abhängen, sondern von dem, was die Europäer hinter und vor den Kulissen tun, um einsitzende Oppositionelle frei zu kriegen oder ungegängelte Meinungsäußerung der Presse zu fordern.

Warum beschreibt der flotte Jan Feddersen, der auch für den NDR arbeitet, (der das Spektakel federführend betreut), nicht konkret vor Ort, was im Lande abläuft? Sein Artikel ist nur pauschales Abbügeln der Kritik. Wichtiger als die Situation der Bevölkerung weit in den Tiefen Asiens scheint ihm, wie ein schmächtig Männlein, das vor lauter Dankbarkeit immer den Kopf beugt, in singender Weise Ruhm einlegt – für den NDR und die Nation. In dieser Reihenfolge.

Nu isser weg. Der uneinsichtige Klein-Wulffi. Fehler habe er gemacht (welche?), doch aufrichtig sei er immer gewesen. Gehört zur Aufrichtigkeit nicht, dass man seine Fehler direkt benennt? War sein Gesicht das eines Reuigen, der selbstkritisch mit sich ins Gericht gegangen wäre? Nein, es war das Gesicht eines Menschen, der sich zu Unrecht verfemt fühlte, aber seinen Zorn und seine Enttäuschung – aus Rücksicht auf das hohe Amt – nicht in die Welt posaunen durfte.

Dieses Gesicht versteht die Welt nicht mehr. Hat er sich nicht viel mäßiger und bescheidener der schönen neuen Welt großer und reicher Freunde bedient als sein Vorgänger in Hannover, der, kaum war er zum Kanzler gekürt, sich ungeniert mit Symbolen der Reichen schmückte und mit Gucci und Cohibas paradierte?

Herr Schröder konnte sich noch dreist als Genosse der Bosse plustern, sein Freund Maschmeyer unterstützte seinen Wahlkampf mit 650 000 Piepen. Wulff ließ sich für schlappe 780 Euro in ein Hotel auf Sylt einladen. So what?

Ulrike Herrmann weist zu Recht darauf hin, dass Moral eine Funktion der Zeit ist. Mit dem SPD-Mann Schröder begann die Prunksucht – Neoliberalismus genannt – ihren Siegszug in Deutschland. Seit der Finanzkrise hat sich einiges verändert, selbst Ökonomen fordern nun Ethik für Unternehmer, Unternehmer wollen freiwillig mehr Steuern bezahlen – na, sagen wir, eine kleine Minderheit.

Was machte Klein-Wulffi falsch? Fürs Klauen eines weggeworfenen Hamburgers für 3,50 kommt man vor den Kadi, ab 100 000 Euro kommt man in die nächste Talkshow und wird bewundert. Christian, du provinzieller Tor, merke dir: bei Mitnahmeeffekten darf nicht gekleckert werden.

Wegen Dir kriegen wir nun einen Pastor als spirituellen Tiefenreiniger des beschmutzten hohen Amtes. Jenen Ossi-Lutheraner, der die Okkupy-Bewegung als unsäglich albern niederkanzelte. Der wird uns die Flötentöne des Heiligen Geistes der Liberalität beibringen, dass wir uns gelegentlich nach Honecker zurücksehnen.

Dabei liegt Wulffs Mitnahmementalität voll im Kurs. Es muss ein Amerikaner in Berlin sein, der ein Buch über inländische Korruption der Eliten schrieb.

Vor 10 Jahren waren Beobachter der deutschen Szenerie erstaunt über die mangelnde Flexibilität hiesiger Politiker, die – im Unterschied zur munter rotierenden Oberschicht in Amerika – gar nicht auf die Idee kämen, einen Abstecher in die praktische Ökonomie zu unternehmen. Sei es aus Selbsterfahrungsgründen – kann ich Unternehmer? – sei es, um die standesgemäße Villa auf Mallorca als Alterssitz zu verdienen.

Politiker, hieß es damals, seien zu doof für Wirtschaft. Gute Leute gingen ohnehin sofort ins Business, weil sie dröge Hinterzimmerpolitik nicht vertrügen.

Heute heißt es, bezahlt die Politiker besser, dann kriegt ihr nicht nur Luschen. Nun, die deutschen Leistungsträger haben sich den Weckruf aus Amerika nicht zweimal sagen lassen und schwirren, besonders wenn sie eine Wahl verloren haben, ganz schnell in die weit geöffneten Arme der Bosse. Schröder, Fischer, Clement, Schily, Koch, Pflüger e tutti quanti.

Die Korruption ist ein Liebesakt und bedarf zweier Seiten. Da die Wirtschaft nur begrenzt offizielle Spendengelder absetzen darf, hat sie sich aufs undurchsichtige Sponsoring verlegt.

Selbst die Feste des Bundespräsidenten werden von Konzernen finanziert, da der arme deutsche Staat seinem obersten Diener nicht mal ne Weißwurstfete mit Bier gönnt.

Seit 1999 sind die Sponsoring-Einnahmen der Parteien um 800 % gestiegen. SPD-Kanzler-Kandidat Steinbrück hält lieber gutbetuchte Vorträge vor Gutbetuchten, als bei seinen GenossInnen in verräucherten Gaststuben, um Stimmen zu werben. (Titel des Buches von Mathew D. Rose: „Korrupt. Wie unsere Politiker und Parteien sich bereichern – und uns verkaufen.“)

Wer wird denn gleich bei Krise heulen? Krisen muss man lieben, nur sie bringen uns vorwärts.

Achtung, ein Satz aus der obersten Etage des Weltgeistes, niedergelegt in dem ganz frisch auf den Markt gekommenen Kursbuch: „Die großen Narrative der Moderne waren stets Krisenbearbeitungsnarrative“.

Warum ist Narrativ ein Lieblingswort unserer Edeldenker? Es bedeutet: Geschichten von Narren für Leute, die sie zu Narren halten. Natürlich will das Kursbuch sich „nicht politisch positionieren.“ Das wär was ganz Neues, wenn die Statthalter des Objektiven Geistes Partei ergriffen. Für sie gilt das Wort des Kaisers Willem: Ich kenne keine Parteien mehr.

Man will einen „eher kühlen“ Blick auf das aufflackernde Feuer politischer Leidenschaften werfen. Vermutlich bei schwäbischen Käfer- und Baumrettern und sonstigen unsäglich albernen Kapitalismusgegnern.

Da haben wir auch schon den passenden Wirtschaftsgelehrten, der gar nichts von staatlichen Versuchen hält, die Wirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen. „Derartige Versuche sind nicht nur teuer und zumeist nutzlos; sie unterbrechen auch den normalen kapitalistischen Krisenzyklus, bevor er seine reinigende Wirkung entfalten kann.“

Womit wir wieder bei Verschmutzung und Reinigung wären. Die Wirtschaft ist eine von der Evolution oder vom Himmel gelenkte Selbstreinigung. Kleine Gehsteigreiniger, die sich aufplustern, vom Pöbel gewählt worden zu sein, wollen sich anmaßen, das automatische Wunderwerk einer Weltwirtschaft mit dem Putzlappen zu säubern?

Da könnte sich der Herr Plumpe ganz unplump auf den Königsberger Philosophen Kant berufen, wenn er dessen Namen schon mal gehört hätte: „Der Mensch will Gleichgewicht, Faulheit und Hartz4, die Natur und der gesetzmäßige Krisenzyklus wissen es besser. Sie wollen Remmidemmi, fruchtbare Zerstörung und kreative Verwüstung.“

Nichts wachstumsfördernderes als eine richtig deftige Gesamtreinigungskrise, da kriegen die Loser das Fett ab, das sie schon immer verdient haben.

Urbild aller tiefenreinigenden Wirtschaftskrisen ist übrigens die Sintflut. Die Menschheit war mal wieder verschmutzt bis über beide Ohren, da öffnete der Herr alle Schleusen und reinigte die Erde von dem Gesindel. Krisengewinnler war ein gewisser Noah mit seiner auserwählten Sippe. Er hatte – dank geheimer Informationen aus dem Offenbarungsbereich – vorbeugend in Schiffbau investiert.

Bravo den Duisburgern, sie haben sich rechtzeitig ihres OBs entledigt. Was hat Herr Sauerland mit Herrn Wulff gemein? Bei ihnen ginge es weniger um Schuld oder Unschuld, sondern um Verantwortung übernehmen. Meinte Christian Bommarius vor Tagen in der BZ/FR.

Ein verantwortungsbewusster Politiker sollte die nötigen Konsequenzen auch dann ziehen, wenn er keine Schuld im juristischen Sinn auf sich geladen habe. Sondern auch im Falle von „Versagen, unwürdigem Verhalten und Vertrauensverlust.“

Schuld gibt es allerdings auch in nichtjuristischem Sinn. Hab ich ein Unternehmen in den Sand gesetzt, ohne einen einzigen Paragrafen verletzt zu haben, bin ich als Chef dennoch der Schuldige. Ich war vielleicht zu wenig innovativ und wagemutig. Also wäre es angeraten, eine schonungslose Fehleranalyse – identisch mit Schuldanalyse – durchzuführen oder für einen tüchtigeren Nachfolger das Feld zu räumen.

Verantwortung übernehmen ohne irgendeinen handfesten Grund klingt edel und souverän, bleibt aber sinnlos, wenn nichts Konkretes daraus folgt.

Natürlich muss ein OB zurücktreten, wenn er bei der Organisation eines Festivals führend beteiligt war und die Schwachpunkte derselben nicht erkannt hat. Der Fisch stinkt vom Kopfe her. Der Kopf ist schuld am Gestank des Fisches, selbst wenn er nicht für alle Details zuständig war. Seine Rationalität und Umsicht hat er seinem Apparat nicht vermitteln können – oder er hat diese Fähigkeiten nicht in ausreichendem Maße besessen.

Der Kapitän ist schuld am Untergang seines Schiffes, auch wenn er selbst nicht am Steuer stand. Er hat seine Crew nicht so effizient und umsichtig ausgesucht, geschult und organisiert, wie es seine Pflicht gewesen wäre.

Ein anderes wäre, wenn der OB erst wenige Tage im Amt gewesen wäre, ohne Möglichkeit, den Gesamtapparat mit seiner Aura zu durchdringen. In diesem Fall hätte ein Rücktritt nur symbolisch-edle Bedeutung, ohne konkrete Folgerungen erwarten zu dürfen.

Der Begriff Verantwortung ist zu einer leeren Selbstdekoration verkommen. Wenn ein Phraseur den Satz benutzt: ich übernehme Verantwortung, weiß jedermann, dass nichts daraus folgen wird.

Wieviel Verantwortung ist in dieser Republik schon übernommen worden, ohne dass sich das Geringste verändert hätte? Verantwortung übernehmen muss nicht heißen, das Handtuch zu werfen. Nur lernunfähigen Hornochsen müsste man signalisieren, dass sie am falschen Platz seien. Das waren sie aber auch vor der Fehlleistung gewesen.

Verantwortungsbewusste Menschen sind fähig, durch Versuch und Irrtum zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Es wäre kontraproduktiv, einen Menschen an die Luft zu setzen, wenn er der beste und lernfähigste Analytiker und Motivator wäre.

Sauerland und Wulff zeichneten sich durch vollständige Inkompetenz, ja durch Blockieren der notwendig schonungslosen Selbstkritik aus. Sie gestanden keine Fehler: das wäre die Grundvoraussetzung für jede Fehleranalyse gewesen, um bessere Lösungsvorschläge auszutüfteln.

Der Begriff Verantwortung kommt aus dem religiösen Bereich. Ich verantworte etwas, wenn ich Antwort gebe. Ja, wem wohl? Dem Weltenrichter am Ende aller Tage.

Seltsamerweise wird am Jüngsten Gericht keine einzige Frage gestellt, sondern „die Bücher werden aufgetan.“ „Und die Toten wurden gerichtet auf Grund dessen, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken.“ (Offbg. 20,12 ff)  (Klingt antilutherisch nach Werkgerechtigkeit.)

Das Jüngste Gericht ist jedenfalls kein Frage- und Antwortspiel. In der Inquisition konnten die Angeklagten wenigstens pro forma antworten, wenngleich die Richter schon alles a priori wussten. Da muss in der Seele der Scholastiker, die den Begriff erfanden, die Vorstellung eines Dialogs zwischen Gott und Mensch aufgekeimt sein. Gott fragt aber nicht, denn er weiß alles. Was sollte das Menschlein zu seiner Verteidigung vorbringen, da der Richter das Herz des Angeklagten besser kennt als dieser selbst?

Wenn heutige Politiker von Verantwortung reden, meinen sie so gut wie nie: Antwort geben dem Souverän, sondern einer innerlichen, verborgenen Instanz, die dem Volk niemals Rede und Antwort stehen wird (siehe Kohls Ehrenwort).

Ein bloßer Rücktritt ist nur ein formaler Akt. Rechenschaft abgelegt hat man damit noch nicht. Und wenn mal einer ausnahmsweise antworten will, werden die Fragen von ARD und ZDF gestellt. Das Volk wird von den Medien ent-mündigt. Wenn‘s hochkommt, werden die Meinungen des Publikums als bloße Stimmungsbilder genutzt (so bei Plasberg).

Die Medien selbst sind eine völlig abgeschottete Trutzburg, noch weniger antwortbereit als die verstocktesten Politiker. Schreibe jemand spaßeshalber eine kritische Meinung an die verbarrikadierte Creme de la Creme. Sagen wir hundertmal, dann muss er froh sein, eine einzige Antwort zu erhalten: Bitte schicken Sie keine Emails mehr an unsere Kulturredaktion. Fragen, Antworten, Streiten, Dialogisieren: Fehlanzeige in einer antwort- und verantwortungslosen Mediokratie.

Von Max Weber stammt der Begriff der Verantwortungsethik, mit dem er den kantischen Begriff der Gesinnungsethik ablösen wollte. Interessant die Begründung:

„Es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: ‹Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim› – oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Tuns aufzukommen hat.“ (Max Weber: "Politik als Beruf", Vortrag, 1919)

Welche Folgen sind heute noch voraussehbar, da man überall mit unbeabsichtigten Kollateralfolgen seines Tuns rechnen muss? Je unübersichtlicher und widersprüchlicher die Welt, desto unvorhersehbarer die Folgen.

Bei Weber ist Verantwortung eine gott-lose Angelegenheit. Was denken sich christliche Politiker, die das Wort Verantwortungsethik weihevoll benutzen?

Nichts mehr Gott überlassen, nichts mehr in infantilem Himmelsvertrauen abwickeln, sondern sein Tun – von der Motivation bis zum guten oder schlechten Ende – selbst durchdenken und überprüfen. Das wäre Selbst-Verantwortung im Gegensatz zur Fremdverantwortung im Namen einer höheren Macht.

„Denn wenn es in Konsequenz der akosmistischen [= weltlosen, weltablehnend-christlichen] Liebesethik heißt: «dem Übel nicht widerstehen mit Gewalt»  so gilt für den Politiker umgekehrt der Satz: du sollst dem Übel gewaltsam widerstehen, sonst – bist du für seine Überhandnahme verantwortlich.“, fährt Weber fort.

Womit beiläufig die Frage beantwortet wurde, warum die westliche Gesellschaft, trotz angeblichen Wissens um die Gefahren des weiteren Kurses der Menschheit, Einsicht und Umkehr stur und verstockt verweigert: noch immer vertraut sie Gottes Regiment. „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.“ (Ps. 37,5)

Verantwortungsethik à la Weber wäre eine autonome kosmistische Liebesethik. Und noch mal sage ich euch: liebet die Erde und bleibet ihr treu.