Von vorne LXXIII

Tagesmail - Freitag, den 11. Oktober 2019

Von vorne LXXIII,

Nie wieder, nie wieder.

Auf dem Feldherrnhügel deutscher Ehre stehen General Döpfner und Adjutant Reichelt und befehlen mit bellenden Stimmen der deutschen Schmach: nie wieder mit nie wieder.

Und Deutschland – gewohnt, Befehlen zu gehorchen – hatte sofort ein Einsehen, bereute in Sack und Asche und verwandelte seinen Judenhass in bewährte Nächstenliebe.

„Wir haben es mit einem Systemversagen der offenen Gesellschaft zu tun. Wir brauchen jetzt keine Demonstrationen mehr. Immer weniger wird noch benannt, wie es ist. Es wird verschwiegen oder beschwichtigend verharmlost. Und wenn einige wenige Medien die Fakten doch nennen oder grausame Bilder trotzdem zeigen, dann werden vielfach nicht die Tatsachen beklagt, sondern wird derjenige beschimpft oder gar der Aufwiegelung bezichtigt, der die Realität beschreibt. Deutschlands Politik- und Medieneliten schlafen den Schlaf der Selbstgerechten und träumen den Wunschtraum der Political Correctness. Möchten sie nicht, dass diese Ruhe gestört wird?“ (WELT.de)

Nicht die offene Gesellschaft hat versagt, sondern verwahrloste Gesellschafter, nicht die Demokratie, sondern heruntergekommene Demokraten. Springer-Kohorten, sonst aller Politmoral überdrüssig und unermüdlich dabei, Moralisierer als Rechthaber zu bügeln, wollen plötzlich Recht behalten!

Zwischen Realität beschreiben und Realität bewerten, können sie nicht unterscheiden.

Sie verfluchen political correctness und sind selbst konform mit der blinden Unterwürfigkeit ihrer Regierung gegenüber einer befreundeten Regierung, die sie offensichtlich für unfähig halten, streitbare Loyalität zu akzeptieren.

Sie wollen Judenfreunde sein und stellen Israelis dar, als seien sie papistisch- ...

... unfehlbar und zu keinem Diskurs auf gleicher Augenhöhe fähig. Diese Bild von Juden ist klischeehaft und „antisemitisch konnotiert“. Warum ruft hier niemand: Haltet den Dieb?

Es ist von verheerender Wirkung, ein Bild der Juden zu verbreiten, das den Hass der Massen zu entfachen und zu rechtfertigen scheint. Denn wo kein Diskurs möglich sei, helfe nur Gewalt.

Ihr Philosemitismus ist ein invertierter Antisemitismus, ihre Moralaversion ein versteckter Christenhass auf Juden, die sie untergründig als moralisierend-rechthaberische Pharisäer verachten.

Juden, die Israel kritisch sehen, werden von ihnen ignoriert und aussortiert. Erneut maßen sich Deutsche an, zu bestimmen, wer ein echter Jude ist und wer nicht. „Wer Jude ist, bestimme ich“, sagte ein deutscher Führer:

„In den 'Nürnberger Rassegesetzen' hatten die Nationalsozialisten ihre rassistischen Wahnideen festgeschrieben. Immer wieder aber machte Hitler von seinem 'Gnadenrecht' Gebrauch, Juden zu 'Ehrenariern' zu erklären oder jüdische 'Mischlinge' aufzuwerten. Zu 'Ehrenariern' wurden Weggefährten erklärt, die sich um die 'Bewegung' verdient gemacht hatten. Soldaten, die sich im Ersten Weltkrieg bewährt hatten, konnten in der Wehrmacht weiterdienen.“

Ja, sie halten es sogar für richtig, die Opfer von Halle zu instrumentalisieren, um triumphierend recht zu behalten. Wussten sie‘s doch schon immer, dass die Deutschen zu politisch-moralischen Blindgängern geworden seien.

Über historische Ursachen des Antisemitismus kein Wort. Wer keine Diagnose hat, der hat auch keine Therapie. Was nur bedeuten kann: sie wollen gar nicht, dass sich etwas verbessert. Sie selbst wären bei jeder konkreten Verständigungsarbeit überfordert. Stattdessen wird der grassierende Antisemitismus vor allem dem Islam angelastet:

„Das einseitige Verständnis für antisemitische Grundhaltungen mancher muslimischer Einwanderer verstärkt rechts- und linksradikalen Antisemitismus.“

Anstatt die allerchristlichste Religion und die deutsche Völkermordgeschichte zu inspizieren, bedienen sie den Fremdenhass der Deutschen und stärken die Seligsprechung der elitären „Mitte“. Als ob nicht alle Hassgedanken von deutschen Gelehrten ausgebrütet und von deutschen Eliten verbreitet worden wären.

Unter den Gelehrten die Theologen vorneweg, die es verstanden, vor dem Krieg den Mördern ein Halleluja zu singen und nach dem Krieg sich als Widerständler aufzuspielen.

Was folgt aus Döpfner & Co? Nichts – oder doch: die Verlängerung der deutschen Misere ins Endlose.

Wie viele Menschen müssen noch sterben oder in Todesangst weiterleben, damit die nationale Psychose der Deutschen endlich zur Besinnung kommt?

Ja, die Polizei muss ihre Arbeit tun – aber keine Polizei wird hasserfüllte Emotionen verhindern. Verschärfte Gesetze schrecken niemanden.

Antisemitismus ist religiösen Ursprungs, erst viel später wurde er mit rassistischen Scheinargumenten übermalt. Wer, wie Döpfner, die christlichen Wurzeln des Antisemitismus ignoriert, sollte über Rassismus schweigen und die Leitung seiner Gazette leise weinend abgeben. Er hat sich disqualifiziert.

Ganz nebenbei will Döpfner auch die „allzu freizügige“ Flüchtlingspolitik vom Tisch fegen:

„Eine rechtsstaatlich sehr zweifelhafte Flüchtlingspolitik, die kaum unterscheidet zwischen Kriegsflüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen, also Menschen in existenzieller Not, denen wir helfen müssen, und Menschen in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen, denen wir nicht wahllos helfen können.“

Alle Menschen sind in existentieller Not, die ihre Heimat verlassen, um als Flüchtende ein ungewisses und gefährliches Schicksal auf sich zu nehmen. Alle Flüchtlinge sind Kriegsflüchtlinge. Sie flüchten vor dem Krieg der Natur, die sich gegen die Attacken der Menschen mit gleichen Mitteln zur Wehr setzt.

Döpfner wirft den Eliten vor, die Realitäten zu verdrängen. Den Begriff Moral vermeidet er wie die Pest, denn das ist das Unwort des Zeitgeistes. Gleichzeitig plädiert er für Moral, doch das nennt er: Realitäten anerkennen.

Bei jeder Realität muss man sich entscheiden, sie als wertvoll zu verteidigen – oder als schädlich zu verbessern suchen. Sollte er Popper kennen, kann er sich auf dessen Utopieverbot nicht berufen. Denn Popper plädierte leidenschaftlich für Stückwerktechnologie.

Döpfner, wie seine Kanzlerin, ist das Gegenteil eines Aufklärers. Von Argumentieren und Überzeugen hält er nichts. Stattdessen folgt er der Spur deutscher Meister:

„Und es braucht dringend geistige Führung, um alte Feindbilder, neues Sektierertum und irrlichternde Heißblütigkeit und Kaltherzigkeit mit klarem Kompass zu kalibrieren.“

Führung in einer Demokratie? Will er sich selbst als neuer Führer ausrufen? Kalibrieren heißt quantitativ messen – ein physikalischer Vorgang. Wer gemessen hat, weiß noch lange nicht, wie er das Messergebnis bewerten soll.

„Nach Halle braucht es keine einzige Demonstration, Solidaritätskundgebung oder Lichterkette mehr im Land. Wir wollen auch nie wieder „Nie wieder Antisemitismus“-Reden hören. Denn der Antisemitismus ist längst da.“

Der Antisemitismus war nie weg, weshalb er nicht neu auftauchen konnte. Die Deutschen haben ihre Vergangenheit nie so aufgearbeitet, dass sie verstanden hätten, wie das Dritte Reich zustande kam. Von Theologie wollen sie nichts wissen, weshalb sie den theologischen Charakter des 1000-jährigen Endreiches nicht verstehen.

Die Eliten haben ihren Frieden geschlossen mit den Kirchen, denn diese sorgen für Ruhe am Arbeitsplatz. Ergo ist Theologie als politischer Faktor nicht vorhanden. Religiöse Fakten interessieren Döpfner nicht die Bohne. Dabei gibt es eine ganze Bibliothek wissenschaftlicher Bücher, die den chiliastischen Charakter des Dritten Reiches bestätigen:

„Adolf Hitler sah seine Mission in heilsgeschichtlicher Mission: „So glaube ich heute im Sinn des allmächtigen Schöpfers zu handeln: indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ Er sieht sich als den neuen Messias, der die Menschheit vom Antichrist befreit: „Christus war der größte Pionier im Kampf gegen den jüdischen Weltfeind. Christus war die größte Kämpfernatur, die es je auf Erden gegeben hat… Die Aufgabe, mit der Christus begann, die er aber nicht zu Ende führte, werde ich vollenden.“ Die Juden sind der Antichrist, der die Welt vollständig beherrschen will. Er sieht Juden als Unheilsbringer in einem apokalyptischen Drama: „So geht der Jude seinen verhängnisvollen Weg weiter, bis ihm eine andere Macht entgegentritt und in gewaltigem Ringen den Himmelstürmer zum Luzifer zurückwirft.“ Hier zeigen sich die christlich-apokalyptischen Züge seiner Weltanschauung.“ (Michael Ley, Apokalypse und Moderne)

Dreist wird heute behauptet, Hitler sei unchristlich gewesen, die Kirche habe sich im Geiste Jesu widersetzt.

Hitler war antiklerikal in dem Sinne, dass er die Kirche als kraft- und saftlose ecclesia patiens verachtete, während Er die wahre Kirche brachte, die ecclesia militans und triumphans:

„Hitler sieht sich als den neuen Messias, deshalb ist der Nationalsozialismus antiklerikal eingestellt, weil die neue Religion des Nationalsozialismus die Kirchen ersetzen sollten. Das Menschenopfer, das die Nationalsozialisten darbrachten, die Tötung des „ewig wandernden Juden“ war die politische Theologie des Nationalsozialismus. Adolf Hitler sah sich als Werkzeug Gottes, der mit dem Holocaust die Heilung Deutschlands und der ganzen Welt bringen sollte. Die nationalsozialistische Apokalypse ist das größte Menschenopfer, das die Weltgeschichte kennt.“ (Ley)

In der Illner-Runde behauptete Marina Weisband zu recht, die deutschen Antisemiten suchten stets externe Sündenböcke, die an ihrem Versagen schuldig wären: das seien die Juden. Sie vergaß nur eine Kleinigkeit: warum gerade die Juden? Aus neutestamentlichen Gründen. Juden waren schuld am Kreuzestod des Herrn, störrisch reklamierten sie den Status des auserwählten Volkes nur für sich. Weshalb die christlichen Völker des Abendlandes nicht auserwählt sein konnten, solange die Juden ihren Platz bei Gott nicht freiwillig räumten.

Das protokollierte Selbstgespräch des Attentäters bestätigt die brandgefährliche Mischung aus Versagensängsten und Judenhass, die Verbindung aus individuellen Psychodefekten und politischer Projektion. Es gibt nichts Privates, das nicht politisch, nichts Politisches, das keine individuellen Effekte hätte:

„Sorry Guys“, sagt er seinem Live-Publikum. „Einmal Verlierer, immer Verlierer.“ „So Guys, das war’s mit der Action.“ „I’m a complete loser.“ Dann wirft er sein Smartphone samt Kamera weg. Standbild in den Himmel.“ (Berliner-Zeitung.de)

Für das Böse soll man kein Verständnis haben, lamentieren ununterbrochen Döpfner und Reichelt. Verstehen heißt für sie verzeihen, so korrumpiert ist die deutsche Sprache.

Das Gegenteil ist richtig. Wer Antisemitismus wirksam bekämpfen will, muss ihn verstanden haben. Nur wer einer Sache ins Herz gekrochen ist, der kann sie beseitigen. Die Medizin könnte das kleinste Wehwehchen nicht kurieren, wenn sie dessen Ursachen nicht kennte. Das war die Lehre des Hippokrates, der ein wandernder Geist-Körper-Philosoph war. Heute ist der Geist aus allen Wissenschaften verschwunden.

Auch bei Illner wurden keine Fragen nach der historischen Ursache des Antisemitismus gestellt. In den Öffentlich-Rechtlichen ist das Christentum tabu. Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, gebärdete sich als eigentliches Opfer des Verbrechens.

„Man habe den Täter einfach "nicht auf dem Schirm gehabt", der Anschlag stecke ihm, Haseloff, "in den Knochen", wohl "bis an mein Lebensende".“ (SPIEGEL.de)

Dieser wehleidige Herr hat Mitleid mit sich selbst, die wirklichen Opfer interessieren ihn nur am Rande.

Alle – außer Haseloff – wollen gewusst haben, dass Unheil (identisch mit dem Heil Gottes) übers Land kommen werde. Wo blieben dann ihre Bemühungen, das Wahrscheinliche aufzuhalten?

ZDF-Theveßen glaubte sogar zu wissen:

„"Die Zeichen sind seit 2011 an der Wand." Er bezog sich damit auf das Pamphlet des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik. "Seitdem ist dieses Gedankengut in unsere Gesellschaften eingewandert. Auch Teile der AfD haben diese Ideologie adaptiert und befeuert." Theveßen erklärte damit en passant auch: Wer alleine tötet, handelt nicht alleine. Und nein, ein Amoklauf wegen "psychischem Knacks" sei dies nicht.“

Mit anderen Worten: Antisemitismus ist keine jahrhundertealte deutsche Erfindung vom Mittelalter über Luther, unzählige Geistliche und Intellektuelle, selbst Kant nicht ausgeschlossen, Fichte, Nietzsche, Wagner, Adolf Stoecker, den Hofprediger Kaiser Willems bis zu Krethi und Plethi des hitlerbesoffenen Volkes, sondern ein Nachkriegsimport aus Norwegen. Das wird die Norweger erfreuen.

Wie meinen? Der Mörder soll keinen „psychischen Knacks“ haben. Ja, ist er denn psychisch pumperlgesund? Trump gilt als „maligner Narzisst“, ein Verbrecher hingegen muss durch und durch rational sein, um ja kein falsches Verständnis bei der Öffentlichkeit hervorzurufen! Dann hatte auch Adolf Hitler keinen Knacks? Alles wohltemperierte menschliche Prachtexemplare?

Hirnrissiger geht’s nicht. Schließt denn politisches und wirtschaftliches Fehlverhalten, das sich einer ruchlosen machiavellistischen Taktik bedient, individuelle Psychodefekte aus? Soll es erstrebenswert sein, sich unmenschlich zu verhalten und dennoch cool und psychisch vorbildlich zu sein?

Hier stürzt alles unter sich. Wie der Neoliberalismus jedes Verhalten als rational betrachtet, was Besitz und Macht skrupellos ausdehnt, so muss auch moralische und seelische Verderbnis bei Faschisten als Zeichen höchster Gesundheit gelten? Das enttarnt die Herkunft des Neoliberalismus aus Nietzsches Reich des Übermenschen:

„Das Wort »Übermensch« zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgeratenheit, im Gegensatz zu »modernen« Menschen, zu »guten« Menschen, zu Christen und andren Nihilisten – ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird – ist fast überall mit voller Unschuld im Sinn derjenigen Werte verstanden worden, deren Gegensatz in der Figur Zarathustras zur Erscheinung gebracht worden ist: will sagen als »idealistischer« Typus einer höheren Art Mensch, halb »Heiliger«, halb »Genie«.“

Wer Erfolg hat und sei es nur als Menschenmörder, darf kein misslungener Charakter sein! Ihm gelang etwas, er lieferte: wie kann der krank sein?

Markig klingende Sätze wie die von Weisband: „Der Feind ist Menschenhass. Man darf ihm keine Bühne geben“, sind sinnlos und geben sich erstaunlicherweise kompromisslos. Sind denn Kompromisse plötzlich verboten? Sonst können Medien sich nicht genug als Gegner des Entweder-Oder, des rigorosen Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß geben. Doch wenn’s an’s Eingemachte geht, hat die gerühmte Grauzone plötzlich verloren? Der Schein trügt. Morgen ist der Skandal wieder vorbei, dann gilt in altbewährter Manier: Rigorismus verboten, wir torkeln blind durchs wahrheitslose Sowohl-als-Auch.

Doch, Herr Döpfner, jetzt brauchen wir erst recht Demonstrationen auf der Straße. Nicht nur um der Klimarettung willen, sondern um aller Welt zu zeigen, dass Deutschland ein wenig aus seiner Geschichte gelernt hat.

Führen ist wieder in Deutschland angesagt. Nicht Verstehen, nicht Überzeugen, nicht Argumentieren. Da darf der JU-Chef nicht zurückstehen:

"Deutschland muss Taktgeber in der Welt bleiben. Es liegt an uns, die Erfolgsgeschichte Deutschlands weiterzuerzählen.“ (BILD.de)

Für die Taktgeber der Welt ist das antisemitische Verbrechen nur ein lästiger Zwischenfall, der die Wirtschaftsbeziehungen der größten Exportnation stören könnte. Nichts sonst.

Nur Stefan Krämer, Chef des Verfassungsschutzes von Thüringen, davor Generalsekretär des Zentralrats der Juden, machte einen sinnvollen Vorschlag:

„"Bildung, Bildung, Bildung", sagte Verfassungsschutzchef Kramer. Und dann erinnert man sich daran, dass das Bundesfamilienministerium künftig nur einen Bruchteil der bisherigen Demokratie-Projekte fördern will.“

Den Begriff Bildung hätte er allerdings konkretisieren müssen: die Auseinandersetzung mit der christlichen und jüdischen Religion. Die Geschichte des Antisemitismus vom Urchristentum bis zur Gegenwart.

„In Fichte steckt schon ein deutscher NS-Professor. Die Berliner Universität bildet ein Zentrum der Kreuzzüge gegen die Weimarer Demokratie. Die „evangelische Allianz von Bethlehem und Potsdam“ ist weit älter als der „Tag von Potsdam“. Der Glaube des Adolf Hitler entspricht in breitesten Schichtungen und Strukturen dem Glauben breitester Schichten des deutschen Volkes.“ Vernichtungs- und Ausrottungswünsche von Klopstock und Kleist bis heute. Die Ausrottung der Juden im besonderen wird von Ernst Moritz Arndt bis zu einem Antisemitismus-Kongress in Hamburg Anfang der 90-Jahre des 19. Jahrhunderts gefordert. Der verklemmte Exkatholik Himmler bereitet die Massentötung aus „religiöser“ Überzeugung vor.“
Talleyrand beobachtete bereits die unduldsame Religiosität der „jungen Deutschen“: „Die Einheit des deutschen Vaterlandes ist ihr Geschrei, ihr Glaube, ihre bis zum Fanatismus erhitzte Religion.“ (Friedrich Heer, Der Glaube des Adolf Hitler)

Von Anfang an wollte Hitler die Endlösung, die Vernichtung aller Juden, derer er habhaft werden konnte. Dennoch wartete er ab. Warum? Er wusste nicht, wie die Welt auf das finale Heilsgeschehen reagieren würde. Er fürchtete, die Völker der Welt könnten sich gegen ihn verbünden. Dann hätte er keine Chance gehabt.

„Adolf Hitler wartete noch bis 1941. Als er sah, dass niemand sich der Juden annehmen und keine Weltmacht Lösegeld zahlen wollte, schlug er zu. Als die Vernichtungsmaschine zu arbeiten begann, wurden in England und Amerika Berichte über ihr Anlaufen als „Gräuelpropaganda“ abgetan, nicht selten unter Mitarbeit jüdischer Kreise. Mit schweigender Bewunderung verfolgt die Welt die Kühnheit und Brutalität, mit der die Nationalsozialisten daran gehen, ihre Probleme zu „lösen“. Zu seiner eigenen Überraschung bemerkt der nationalsozialistische Antisemitismus, dass die internationale Welt keine ernsthaften Widerstände gegen die Liquidation der Juden hatte. Die emanzipierten Juden selbst wagen keinen offenen Kampf gegen diesen kämpferischen Antisemitismus. Man will nur anonym im Individualfall helfen. Die Nationalsozialisten konnten in aller Ruhe die Juden wie Schlachtvieh in den europäischen Ländern sammeln, ohne damit eine Reaktion der Weltöffentlichkeit hervorzurufen.“ (Heer, Gottes erste Liebe)

Insgeheim bewunderten die christlichen Westvölker die Verwegenheit der Deutschen, Gottes erstes auserwähltes Volk zu vertilgen. Antisemiten gab es in Amerika so viele, dass Roosevelt anfänglich zögerte, die geflüchteten deutschen Juden aufzunehmen. Die britische Oberschicht war – nicht nur wegen Chamberlain, dem Über-Ich Hitlers in Bayreuth – faschistisch verseucht. Auch in Frankreich waren die Bewunderer Hitlers so zahlreich, dass die Vichy-Regierung erst zu wanken begann, als die Niederlage der Erzfeinde abzusehen war.

All diese Ereignisse sind den Deutschen unbekannt. Ohnehin ist Vergangenheit für sie vergangen. Sie blicken nicht zurück, sie schauen gehorsam nach vorn – was dem Wirtschaftswachstum am meisten nützen soll.

Wie erklärt sich M. M. von Blumencron im TAGESSPIEGEL die schreckliche Tat?

„Sie sind gewachsen auf einem Boden der Geschichtsrelativierungen, des Hasses, der Xenophobie.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Ist Antisemitismus Xenophobie oder Fremdenhass? Sind Juden, seit Jahrhunderten in Deutschland ansässig, noch immer Fremde? Antisemitismus ist Hass auf ein biblisches Volk, das man in Deutschland zu kennen glaubt. Sei es aus langer gemeinsamer Geschichte, sei es aus der Lektüre der Schrift.

Fremdheit spielt hier keinerlei Rolle. Im Gegenteil: Christen hassen Juden, weil sie glauben, sie in ihrer Verdorbenheit in- und auswendig zu kennen. Was sich zu nah ist, erträgt sich nicht - auch wenn gefühlte Nähe allzuoft ein trügerisches Phänomen ist. Kämpfen doch beide Völkerschaften, Juden wie Christen, um den begehrten einzigen Platz an der Sonne: im Schoss ihres Erlösers.

Und wer vertrat unentwegt die Geschichtsrelativierungen, wenn nicht die Medien, die jede Bedeutsamkeit der Geschichte für Gegenwart und Zukunft leugneten? Es wäre das erste Mal, dass die schreibende Zunft Verantwortung übernähme für ihre wechselnden Modephilosophien, mit denen sie sich stets neu erfinden.

Die gefährlichsten Brandzeichen der Deutschen, die auf ein unbewältigtes NS-Erbe hinweisen, werden heute verdrängt. Wagner, der Komponist, wird als Musiker hochgeschätzt (auch von der Kanzlerin), denn gegen seine antisemitische Ideologie glaubt man, immun zu sein. Wie Mathematiker nur auf Zahlen, Literaten nur auf Sprachspiele stehen, so stehen Musiker nur auf Töne und Akkorde. Politische Botschaften? Kennen sie nicht oder gelten als belanglos.

„In Linz wird Richard Wagner vom jungen Adolf Hitler als einziger großartig gekonnter Rausch-Traum von Macht, Herrlichkeit und heroischem Untergang gehört. Berauscht von der „Götterdämmerung“ sieht Adolf Hitler Jahre später nicht nur fasziniert der Menschendämmerung entgegen, der Zeit, in welcher der Bazillus Mensch die Erde verlassen haben wird – sondern auch der Judendämmerung: der „Endlösung der Menschheit.“ (Heer)

Wen wundert es, dass die Kanzlerin dem möglichen Untergang der Menschheit durch Hitzewellen gelassen entgegen sieht. Ist sie durch Wagner doch längst vertraut mit dem Untergang der Welt, die mit ihrem lutherischen Endzeitglauben konform geht. Wenn die zwei hasserfülltesten Antisemiten der Deutschen, Luther und Wagner, übereinstimmen: wie könnten beide irren?  

Die Deutschen belügen sich in allen wesentlichen Dingen ihrer historischen Prägung. Erst recht, was ihr Verbrechen an den Juden und ihre lange Geschichte des Antisemitismus betrifft.

„Der vielschichtige Komplex Antisemitismus wird auch heute noch von Juden und Christen verdeckt und verschleiert. Von Juden, da sie es nicht wagen, das Christentum in gebotener Offenheit zu befragen. Von Christen, da sie es nicht wagen, sich einzugestehen, dass nur eine Revision der christlichen Theologie – radikal bis zu den theologischen Wurzeln – dies zu verhindern vermag: dass ständig neu Antisemitismus produziert wird.“ (Heer)

 

Fortsetzung folgt.