Sofort, Hier und Jetzt XXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 10. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXIV,

„Der Weltklimarat fordert ein beispielloses Handeln, um die Klimaziele noch zu erreichen. Was droht im Fall eines Misserfolgs? Die Selbstverpflichtungen, die sich die Staaten auferlegt haben, würden bis 2100 wohl zu einer Erwärmung um drei Grad führen. Bei zwei Grad Erwärmung müssten der Nahe Osten und Nordafrika mit bis zu 46 Grad Celsius an den heißesten Tagen rechnen. Auch in Europa läge die Zahl der Hitzetoten jährlich wohl um etwa 20 Prozent höher. Zudem sind viele Tier- und Pflanzenarten durch den Klimawandel bedroht.“ (Sueddeutsche.de)

„Wir haben einfach die falschen Angestellten: Einen Wirtschaftsminister, der nicht mal mitten im Aufschwung die Industrie auf einen nachhaltigen Kurs einschwört; eine Landwirtschaftsministerin, die nicht grundsätzlich in Brüssel an den Agrarsubventionen rütteln will; einen Verkehrsminister, dem das überholte Geschäftsmodell der Autokonzerne wichtiger ist als die Atemluft der Bürger. Wir beschäftigen einen Heimatminister, den Agrarwüsten und Gewerbegebiete nicht stören, die die Heimat verschandeln; Einen Finanzminister, der nicht damit rechnet, dass verpasster Klimaschutz sehr teuer wird. Wir haben eine Umweltministerin, die zu schwach ist, um sich gegen diese geballte Ignoranz zu wehren. Und wir haben eine Kanzlerin, die mit anderem beschäftigt ist als mit der Zukunft des Landes – fasst Bernhard Pötter in der TAZ zusammen. (TAZ.de)

Wenn es um Sein oder Nichtsein geht – erlaubt Deutschland seiner mächtigsten Frau, sang- und klanglos unterzutauchen, sich unsichtbar zu machen, vor der Nation und Europa keine Stellung zu beziehen.

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und ...

 ... Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe."

Gott scheint die mächtigste Politikerin der Republik verlassen zu haben – oder ER will den Untergang. Das Wohl des deutschen Volkes ohne Wohl der Natur und aller Völker ist ein Wahn.

Wenn Integrität die Übereinstimmung von Tun und Reden ist, muss der Kanzlerin alle Integrität – „Ehrenhaftigkeit, Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit, Unbestechlichkeit, Echtheit, Vertrauenswürdigkeit, Anständigkeit, Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit, Zuverlässigkeit“ – abgesprochen werden.

Ebenso der Mehrheit einer Nation, die sich in dieser ehrlosen, unaufrichtigen, bestechlichen, unechten, unehrlichen, ungerechten, unzuverlässigen, feigen und unwahren Person repräsentiert fühlt.

Die deutsche Nation ist auf den Tiefpunkt ihrer moralischen Nachkriegs-Verfassung gesunken. Wenn Integrität ein Kern abendländischer Werte ist, verstoßen die Deutschen, Hand in Hand mit ihrer Kanzlerin, gegen alle abendländischen Werte. Sollten abendländische Werte aber nicht-integer sein – der Verdacht liegt nahe bei einer Religion, die alles erlaubt, wenn es im Glauben geschieht – dann müssten die Deutschen sich von dieser Religion verabschieden. Wenn nicht, hat Deutschland das Schicksal verdient, das es sich sehenden Auges einbrockt.

Sollten abendländische Werte moralisch sein, schaut die Regierung regungslos zu, wie amoralische Kohorten das öffentliche Leben bestimmen. Ja, sie unterstützt die Bigotterie, nach außen moralisch, nach innen amoralisch zu wirken. In einer Gesellschaft, die nur noch mit wirtschaftlichen Leistungen brilliert, wurde Moral zum bloßen Werbe- und Propagandafaktor ihrer Produkte.

Wenn eine ganze Regierung versagt, und das Volk jagt sie nicht aus dem Amt, hat das Volk versagt. Die Mächtigen einer Demokratie sind nichts als leitende Angestellte des Volkes.

In einer Herrschaft des Volkes kann keine gewählte Regierung nach Gutdünken tun und lassen, was sie will. Kein Gewissen, keine Befehlsinstanz höherer Weisungen, ist berechtigt, den Willen des Volkes zu missachten. Wer diesen Willen mit seiner Privatmoral für unvereinbar hält, muss zurücktreten und seine Meinung mit demokratischen Methoden zu realisieren suchen. Alles andere ist Amtsmissbrauch.

Über dem Amtseid der Kanzlerin steht der Eid der Demokraten:

Wir schwören – bei der Natur, der Solidarität aller Völker, der Stimme selbstbestimmter Moral und einer lebensfreudigen Vernunft – dass wir alles tun werden, um das Überleben der Gattung und das Existenzrecht aller Lebewesen zu sichern. Die Natur braucht uns nicht. Sie hat uns eine Nische zugewiesen, in der wir seit über einer Million Jahren existieren können. Wenn wir diese Nische zerstören, zerstören wir uns selbst. Nicht Macht, Erfolg, kreative Brillanz, Wandel um seiner selbst willen, riskantes Abenteurertum und futuristische Grenzenlosigkeit streben wir an. Denn all dies bringt Leben in Gefahr. Wir erstreben ein gutes Leben in Konkordanz mit allen Lebewesen.

Wer in Deutschland nach Werten fragt, erhält die Antwort: Würde, Freiheit, Gleichheit, Humanität und sonstige Ideale, die so köstlich sind, dass sie niemand durch Praxis beflecken will.

Was ist der Unterschied von Werten und Moral? Werte sind Ziele, Moral sind Mittel, mit denen jene Ziele erreicht werden sollen. Da es sich eingebürgert hat, Ziele und Mittel gegeneinander zu führen, muss gefragt werden: mit welchen Mitteln können jene köstlichen Ziele erreicht werden?

Die Antinomie der abendländischen Religion hat die Moderne geprägt: gute Ziele können nur mit bösen Mitteln erreicht werden. Ohne Teufel ist Gott, ohne das Böse sind gute Werte unerreichbar. Ein Wert ist eine Norm. Demokratische Normen müssen die Realität ständig nach ihrem Bilde formen.

Da wir in keiner perfekten Realität leben, ist jede Norm eine Utopie. Utopien aber werden von zeitgenössischen Eliten abgelehnt. Also lehnen sie auch demokratische Werte ab. Sie lehnen sie nicht nur ab, sie verteufeln sie. Wer Vollkommenes anstrebe, erreiche das Diabolische oder Totalitäre, erklären sie in sündiger Bescheidenheit. Mit anderen Worten: wer abendländische Werte zu verwirklichen sucht, muss ein Faschist sein.

Von allen Seiten wird der Mensch für unfähig erklärt, mit moralischen Mitteln ideale Ziele zu erreichen. Moral könne man nicht lernen. Der Mensch sei kein lernfähiges Wesen.

Lernen ist, aus Erfahrungen Schlüsse zu ziehen: schlechte Erfahrungen zu korrigieren, gute zu bestätigen.

Der Begriff Erfahrung ist aus dem Wörterschatz der Gegenwart verschwunden. Wer seine Erfahrungen überdenken will, muss „zurück“ in die Vergangenheit. Wie der Erfahrung, so ergeht es der Vergangenheit, die aus dem verbalen Repertoire der Gegenwart ausgemerzt wurde. Begriffs-Legasthenie und Amnesie – Denkschwäche und Vergessenheit – sind die Kosten, die eine mathematisch-fixierte Fortschrittsreligion zu bezahlen hat.

Vergangenheit ist nicht vergangen, solange sie nicht verstanden und bewältigt wurde. Vergangenheit ist Gegenwart – im Modus der Vergangenheit. Ziel des Lebens ist pralle Gegenwart. Diese Gegenwart wird getilgt, wenn Vergangenheit zugunsten einer illusionären Zukunft gelöscht wird.

Der futuristische Mensch soll lebenslang lernen. Wie soll er lernen, wenn er lernunfähig ist? Er soll gar nicht lernen, sein Dasein immer besser zu verstehen. Er soll büffeln und pauken, um immer brauchbarer und nützlicher zu werden – im Dienst einer unausweichlich auf ihn zukommenden Herrschaft der Mathematik und Technik.

Im Kampf der Fakultäten haben rechnende Naturwissenschaften den Sieg über Philosophie errungen. Philosophie ist die Kunst denkender Selbstbesinnung, die keinem autonomen Menschen erlassen werden kann. Maschinen können so intelligent werden, wie sie wollen. Sollten sie eines Tages den Menschen das Denken abnehmen, werden sie zu seinen Despoten.

Die Geisteswissenschaften imitieren sklavisch Naturwissenschaften, obgleich sie nie exakt-rechnende Forschungsmethoden werden können.

Immer wieder wollen Pseudowissenschaften, die den Menschen auf biologische Maschinen reduzieren, herausgefunden haben, dass der Mensch von unbeeinflussbaren Mächten dirigiert wird. Weder hat er einen freien Willen, noch kann er sich durch Selbstformung oder Erziehung zu einem freien Wesen entwickeln. Es sind seine Gene, seine Gehirnstrukturen, die sein Verhalten bestimmen.

Und wenn es nicht körperliche Funktionen sind, so ist es eine allmächtige Geschichte, die ihn führt, wohin er nicht will. Nicht einmal weiß er, wohin er will. Geschweige, wohin er soll. Nicht im Gehorsam gegen Götter, sondern im Hören auf seine Vernunft. Entweder ist automatische Geschichte die Tochter der Evolution – oder die Heilsgeschichte eines himmlischen Gottes.

Wirtschaft ist keine Invention des Menschen, die er verändern kann, wie er sie erfunden hat. Wirtschaft beruht auf unveränderlichen Gesetzen der Natur, denen man bedingungslos folgen muss.

Vor Newton folgte der Mensch willkürlichen Geboten eines Gottes. Nach Newton folgt er eisernen Gesetzen der Natur, die auf alle Gebiete menschlicher Betätigung ausgeweitet wurden.

Überwältigt von den Erkenntnissen der Natur als einer absolut zuverlässigen und berechenbaren Maschine, wurde Newtons Durchbruch zum Vorbild aller Humanwissenschaften – die ab sofort in die Gefahr kamen, ihre Humanität zu verlieren. Denn Humanität ist Selbstbestimmung des Menschen. Der Mensch als Maschine hätte seine Autonomie verloren.

Die ersten Aufklärer waren Deterministen – und leidenschaftliche Freunde der Freiheit. Wie das zusammenpasst: dafür fanden sie keine Erklärung. Ihre theoretischen Erkenntnisse hinderten sie nicht daran, ihre Praxis als Festival der Freiheit zu erleben und politisch zu organisieren.

Das war die Wiederholung eines antiken Streites zwischen Epikur und den Stoikern. Epikur wollte die Freiheit des Menschen retten, indem er die Determiniertheit der Natur durch Zufallselemente unterbrach. Dieser Zufall missfiel den Stoikern, die an einen vollkommenen Kosmos glaubten – und dennoch am freien Willen des Menschen festhielten.

Kant wollte das uralte Problem von Freiheit und Festgelegtheit dadurch lösen, dass wir das Innerste der Natur – das Ding an sich – nicht erkennen. Freiheit können wir weder beweisen noch widerlegen. Wir müssen an sie glauben. Die praktische Vernunft lebt davon, dass der Mensch handelt, als ob er frei wäre.

Nur unfreie Menschen würden Beweise der Freiheit fordern, trumpfte Fichte auf. Wer frei leben würde, der würde sich durch pathologische Zweifel nicht beirren lassen.

Während die Franzosen nach ihrer glorreichen Revolution – die viele als gescheitert betrachteten, weil sie in Robespierre‘schen Terror ausartete – in Determinismus regredierten und die Freiheit vergaßen, explodierten die Deutschen, die allzu lang unter kurfürstlichen und lutherischen Absolutisten schmachteten, in eine ideale Freiheit, die alle irdischen Beschränkungen in die Luft sprengte.

Die Freiheit des deutschen Idealismus wähnte sich bereits im Zustand der Vollendung. Da gab es zwar noch gewisse Defekte in Raum und Zeit, doch im Prinzip endete – für Hegel – die Geschichte im preußischen Berlin. Hier waren alle dialektischen Antithesen überwunden, hier war das Reich der Versöhnung.

Es war diese Anmaßung eines Paradieses auf Erden, die Marx mit Empörung ablehnte – und das Reich der Freiheit auf den Sankt Nimmerleinstag verschob. Hatte Hegel nicht die schlimmste Sünde des Menschengeschlechts – die Ausbeutung der Proleten – schlechtweg verleugnet?

Weil Amerikaner ihre neue Heimat als zweites Land Kanaan betrachteten, wollte Hegel sie übertreffen mit einer finalen Versöhnung aller irdischen Widersprüche in Berlin.

Die Franzosen hatten Revolution gemacht, die Amerikaner Gottes eigenes Land entdeckt: all dies übertrumpften die Deutschen mit visionären Gedanken – die sie als Wirklichkeit ausgaben. Das konnte nicht gut gehen und ging auch nicht lange gut. Der reaktionäre Aufprall auf Erden spätestens bei Nietzsche stellte alles auf den Kopf. Das Ideale verschwand und machte einer bedingungslosen Akzeptanz des Grausamen und Barbarischen Platz.

Bei Kant war Moral ein fernes Ziel. Bei Hegel und Fichte war das Ziel nahe herbeigekommen, aber in Form einer geträumten, luftigen Idealität. Marx war der erste, der die schreckliche Wirklichkeit zur Kenntnis nahm, ihre revolutionäre Befreiung aber weit in die Zukunft verschob. Für Nietzsche war das Reich der Freiheit eine Chimäre, die die Deutschen davon abhielt, die erbarmungslose Realität des Willens zur Macht zu akzeptieren.

Gleichwohl blieb auch Nietzsche ein Idealist. Das Schlimme beschrieb er, als sei es ein Reich idealer Brutalität. Die Verruchtheit der Herrenmenschen malte er, als sei sie ein Kunstwerk in Vollendung.

Das übernahmen die Nationalsozialisten, die ihre verbrecherischen Taten als Nonplusultra rücksichtsloser Ehrlichkeit in vollendetem Anstand definierten. Wenn Deutsche sich schon mal der Wirklichkeit zuwenden, so mag sie sein, wie sie will: sie muss perfekt sein in aller Schönheit, Versöhnung – und verabscheuenswerten Verruchtheit.

Das sehen wir noch heute, wenn Merkels visionslose Liederlichkeit, ihre perfekte Heuchelei in vollendeter Demut, von den Medien, selbst den kritischen, als „Nüchternheit und unaufgeregten Fleiß“ glorifiziert werden. Am Ende jeder Kritik muss die Kirche im Dorf bleiben und die Mutter der Nation als außergewöhnlich und unersetzbar gepriesen werden.

Freud beschrieb diesen Vorgang als „Idealisierung oder Ich-Ideal“:

„Psychischer Vorgang, durch den die Qualität und der Wert des Objekts Vollkommenheit erlangen.“

Besonders ihr physikalisches Studium prädestiniert Merkel zur potenten Politikerin. Die Reduktion der Wirklichkeit auf Tatsachen und Gesetze ist für dekonstruierte Idealisten ein Gipfel der Sachlichkeit. Wenn es in der Beziehungskiste mal wieder rappelt, kommen die Rechteckigen, um zur Sacharbeit zurückzurufen. Die klärende Beschäftigung mit sich selbst ist keine Voraussetzung zur weiteren Zusammenarbeit, sondern ein Abdriften in psychische Abgründe. Normalsterblichen wird empfohlen, erst Beziehungsprobleme zu klären, bevor sie zur Kooperation zurückkehren. Also auch hier: bei den Eliten haben die geisteswissenschaftlichen Methoden des Verstehens und Erklärens ausgedient. Sachlichkeit ist kühles, maschinelles, objektives und psycho-befreites Kalkulieren und Berechnen.

Das war die postrevolutionäre Flucht der Franzosen in „naturwissenschaftliche Politik“. Die Geschichte wurde zum automatischen Fortschritt der Menschheit, ausgehend vom Stadium der Religion über das der Metaphysik bis zum vollendeten Szientivismus, den manche als Positivismus bezeichneten. Es kommt nur auf Tatsachen und kühle Berechnung an. Verstehen? Ausgeschlossen. Erklären? Nur in Form von Zahlen und Begriffen.

Das war die Entwicklung von Saint Simon zu Auguste Comte: „Es war der technische Spezialist, der als gebildet angesehen wurde und in der Lage war, die Gesellschaft wie ein perfektes Uhrwerk zu beherrschen. Er hatte keine Kenntnis von der Gesellschaft, ihrem Leben, ihrer Entwicklung und Werten. Von Philosophie, Geschichte und Literatur hatte er keine Ahnung und wenn doch, hätte er sich schleunigst von diesem Ballast befreien müssen.

BILD-Reichelt unterlässt keine Anstrengung, um der gegenwärtigen Verstehens-Religion den Kopf abzuschlagen.

Positivismus ist Philosophie, die alles nicht-quantitative Denken zur Mythologie erklärt. Die schwatzen zu viel über Dinge, die sie mit Messgeräten nicht belegen können. Der Positivismus ist vom Sieg des Menschen über die Natur überzeugt. Überschwänglich glaubt er an die Grenzenlosigkeit des wissenschaftlichen Verstandes. Auch in dieser Hinsicht ist Merkel eine perfekte Mischung aus Theologie und Technologie: beide glauben an die unbegrenzte Gottähnlichkeit des Menschen.

Warum begann Napoleon, Gigant der Gewalt, Philosophen als Ideologen zu beschimpfen? Weil er durchdrungen war von der „Abneigung gegen alle Diskussionen und den Unterricht in politischen Dingen“.

Das ist bis heute geblieben, weshalb man in deutschen Schulen das Fach Philosophie so gut wie nie anbietet und gelebte Demokratie überhaupt nicht. Germanisten und Religionslehrer übertreffen sich, die Geschichte des Denkens nebenbei in den Staub zu treten.

Naturwissenschaftliche Methoden begannen, die vorbildlichen Lehren vom Menschen und seiner Polis zu ignorieren. Soziologie und Psychologie übertreffen sich mit lächerlichen Experimenten und verlogenen statistischen Methoden.  

Wissenschaftler unter Führung eines Mathematikers sollten „zusammen die Repräsentanten Gottes auf Erden werden, die den Papst, die Kardinäle, Bischöfe und Priester ihrer Ämter entheben werden, weil diese das göttliche Wissen nicht verstehen, das Gott ihnen anvertraut hat und das eines Tages die Erde wieder zum Paradies machen wird“. (Auguste Comte) „Physiologen müssen die Philosophen, Ethiker und Metaphysiker ebenso aus ihrer Gesellschaft davonjagen, wie Astronomen einst die Astrologen und Chemiker die Alchimisten davongejagt hatten.“

All diese positivistischen Weisheiten waren Saint-Simon „von Gott selbst geoffenbart, der Seinem Propheten angekündigt hat, dass Er Newton an Seine Stelle gesetzt hat.“

Marx hatte von den französischen Positivisten übernommen, dass der Fortschritt der Geschichte von Menschen nicht beeinflussbar sei. Auch das totalitäre Element dieser szientivistischen Heilsgeschichte übernahm Marx von den Franzosen:

„Wer den Anordnungen nicht gehorcht, wird von den anderen als Vierfüßer behandelt werden.“

All dies war die Vorwegnahme von Silicon Valley. Heute gilt in allen Medien nur das positivistische Expertenwissen, das in gläubiger Blindheit wiedergegeben wird. Nichtexperten präsentieren Experten, deren Kompetenz sie vorgeben, kritiklos beurteilen zu können. Was sagt der Experte? Der Experte sagt, dass Lernen und Erziehen Unsinn seien, weil das Großhirn, die Gene, der unfreie Wille … – also sei es Unsinn, wenn der Mensch versuche, das selbst produzierte Unheil zu vermeiden.

Wissenschaft ist zum Hauptfaktor gegenwärtiger Passivität und fatalistischer Ergebenheit geworden. Sie wurde zum Vorbild aller Verachtung ethischen und verantwortlichen Denkens. Wenn alles Naturgesetzen unterliegt, müssen auch „Ethik und Politik“ zu positivistischen Wissenschaften werden. Was bedeutet, sie haben nichts mehr zu sagen. Nur wirtschaftliche Prognosen und Fortschritts-Prophetien dürfen die Gegenwart schikanieren.

Der frühe Positivismus ist auch Vater der postmodernen Wahrheitslosigkeit und des Relativismus:

„Absolut gesprochen gibt es nichts Gutes und nichts Schlechtes; alles ist relativ, das ist der einzige absolute Satz.“ (Comte)

Die Lyotards und Derridas hatten es nicht weit, ihre französischen Vorgänger auszugraben.

„Das Gesetz des menschlichen Fortschritts lenkt und regiert alle; die Menschen sind nur seine Werkzeuge. Wir können nichts tun, als diesem Gesetz zu folgen, das unsere wahre Vorsehung darstellt.“ Dieser Grundsatz wurde zum Credo der marxistischen – und neoliberalen Heilsgeschichte.

Am Ende seines Lebens machte Saint-Simon kein Hehl mehr aus „seiner Abneigung gegen das Prinzip der Freiheit. Die dunkle Idee der Freiheit verhindere nur eine Wirkung seiner Ideen auf die Massen und stünde im Gegensatz zur Entwicklung der Zivilisation und der Organisation eines wohlgeordneten Systems.“

Nicht nur die ökonomisierte Politik, auch die Medien der Gegenwart stehen noch immer im Bann des wortlosen Positivismus. Merkels Sprachlosigkeit hat nicht nur theologische Gründe. Ihr Pidgin-Deutsch ist auch das Ergebnis eines wortkargen Physikalismus. Nicht der Mensch beherrscht sein Schicksal, er wird von göttlichen Gesetzen bestimmt, die sich in naturwissenschaftliche verwandelt haben.

Fakten, Fakten, Fakten: ist das trinitarische Glaubensbekenntnis objektiver Zeitbeobachter, frei von moralischen Wahrheitsschwärmereien. Rudolf Augsteins Motto hieß: Sagen, was ist. Noch immer ist Augstein das Vorbild aller deutschen Edelschreiber.

Sagen, was ist, kann dennoch nur zur Hälfte als demokratische Direktive betrachtet werden. Demokratie besteht aus der Polarität zwischen dem, was ist und dem, was sein soll. Sie ist, was sie zu sein hat und wozu sie sich entwickeln kann. Da sie nie perfekt ist, muss sie werden, was sie sein soll. Sie hat ihr eigenes Ideal, ihre eigene Utopie. Wer diese normative Spannung leugnet, hat die Demokratie aufgegeben.

Bei Augstein war diese Polarität noch zu erkennen, insofern übertraf er sein eigenes Motto. Seine neoliberal-verseuchten Nachfolger aber haben sich auf das Ist zurückgezogen und das Soll aufgegeben. Wenn das Ist nicht vervollständigt wird durch das Soll, wird es zur amoralischen Normlosigkeit.

Warum ertragen Medien ihre Kanzlerin und kritisieren höchstens äußerliche Bagatellen? Weil sie ihr ähnlich sind: auch sie wurschteln sich durch Fakten, Fakten, Fakten, keinen Wert drauf legend, sich mit einer guten Sache gemein zu machen.

In einem großen Artikel beschreiben SPIEGEL-Schreiber die Kanzlerin mit vielen geborgten Augen, nur nicht mit ihren eigenen. Sie haben keine Meinung über sie, tun aber, als hätten sie eine, indem sie die Außenwirkungen ihres Auftretens als objektiven Resonanzboden der Merkel'schen Leitideen beschreiben. Nicht ihre Gedanken bestimmen ihre Taten, sondern ihr Auftreten, Agieren und Taktieren sollen auf ihre Prinzipien schließen lassen:

„Über all die Jahre war sie unendlich vorsichtig, sie hat ihre Macht gehütet wie eine zerbrechliche Vase, sie hat jede überhastete Bewegung vermieden. Merkel wollte es sich mit niemandem verderben, für viele Jahre war sie so die perfekte Kanzlerin, aber dann kamen die Flüchtlinge, und seither ist alles anders. Merkel und die gesamte deutsche Politik drohen in diesen Sog zu geraten, die Instabilität der Großen Koalition ist davon nur ein Ausdruck."  

Kein einziges Mal wird die Frage gestellt, von welchen Ideen Merkel geleitet wird. Nirgends fallen Begriffe wie Kapitalismus, lutherische Obrigkeit, Fortschrittsgläubigkeit, abendländische Werte, Integrität oder Heuchelei. Nach vielen Beobachtungen, die eine trügerische Wahrnehmungsfülle suggerieren und die Abwesenheit eigener Bewertung überdecken sollen, kommt, wie immer, das finale Amen – oder „Chapeau, Frau Merkel“:

„Am Donnerstag betritt sie um exakt 15.59 Uhr das Forum der Konrad-Adenauer-Stiftung am Berliner Tiergarten. Kaum hat sie einen Fuß in den Raum gesetzt, da beginnen die Leute zu klatschen. Freundlich, nicht frenetisch, aber warm und ehrlich. Der Applaus hält an, als sie durch die Reihen geht, und er hört nicht sofort auf, als sie in der ersten Reihe Platz nimmt. Dann geht sie ans Pult und hält eine 20-minütige Rede, die sie so souverän und leicht vorträgt, als wäre in den vergangenen Tagen nichts geschehen. "Deutschland. Das nächste Kapitel" steht auf dem Screen an der Wand. Davor steht – immer noch – Angela Merkel.“ (SPIEGEL.de)

Merkel, die „Warme und Ehrliche, die Souveräne und Leichte“ überlebt alle. Wie Phönix steigt sie aus jeder Asche und schiebt ihre Gegner ins Dunkel der Vergessenheit. Woher aber ihre Schwächen? Die sind nicht auf ihrem Mist gewachsen. Sie ist nur das Opfer äußerer und innerer Widersacher:

„Wenn man Merkel durch die Welt begleitet, nach Peking, Washington, nach Amman und Québec, dann fällt vor allem auf, wie breit der Graben zwischen der globalpolitischen Analyse und ihrer wirklichen Macht als Kanzlerin geworden ist. China will wieder zurück zu den Machtgrenzen der Qing-Dynastie; Wladimir Putin träumt den Traum eines hegemonialen Russlands, Trump sähe es gern, wenn die EU zerbräche und die Uno gleich mit. Es gibt so viel zu tun, aber dann schaut sie auf ihr Handy, und es poppt eine SMS von einem renitenten Abgeordneten auf.

Querelen der äußeren und inneren Welt machen sie zu ihrer Gefangenen. An ihr liegt es nicht, wenn die böse Welt ihre Arbeit als Magd Gottes nicht schätzt. Die Welt wird von Tag zu Tag kälter und bedrohlicher: Deutsche, schützt euer nationales Symbol, damit es euch beschützen kann.

 

Fortsetzung folgt.