Philosophische Tagesmails

Von vorne XVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 29. Mai 2019

Von vorne XVIII,

das Geheimnis ist gelüftet. Merkel selbst war es, die den innersten Beweggrund ihres politischen Werdegangs entlarvte:

„Immer wieder begegnet man neuen, faszinierenden Menschen. Und das ist für mich der wichtigste Kraftquell für Politik.“ (BILD.de)

Als mächtige Politikerin kommt man – trotz defekten Fluggeräts – herum in der Welt. Bei knapp 8 Milliarden Menschen auf dem Planeten wird es doch EINPROZENT interessante Gattungsexemplare geben. Wer unter Politik eine aktive Gestaltung menschlicher Verhältnisse verstand, wird ab jetzt eines Besseren belehrt. Es geht um passives Begeistert-werden.

Faszination ist „die Ausübung eines mächtigen oder unwiderstehlichen Einflusses auf die Neigungen des Gemütszustand oder der Leidenschaft“. (Wiki)

Besonders zu empfehlen für eher leidenschaftslose Wesen, denen man eine psychische Anämie zu bescheinigen pflegt.

Niemand komme jetzt auf die falsche Fährte.

„Ich hätte mich sicherlich nicht zu diesem Interview bereit erklärt, wenn ich nicht Lust hätte, noch ein bisschen etwas politisch zu sagen.

Untersuchungen renommierter Kommunikationswissenschaftler haben ergeben, dass in Merkels Vokabular eine unscheinbare Floskel übersignifikant vorkommt: „ein bisschen“.

Framingexperten haben die Floskel als Versuch gedeutet, die exponierte Stellung der Sprecherin durch ostentative Bescheidenheit zu kompensieren. Merkel hatte ...

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Von vorne XVII

Tagesmail - Montag, den 27. Mai 2019

Von vorne XVII,

„Es genügt, wenn eine schlechte Regierung abgewählt werden kann. Das ist Demokratie.“ (Popper)

In Deutschland kann man eine schlechte Regierung nicht einfach abwählen. Da sie zumeist aus zwei oder mehreren Parteien besteht, käme der Rücktritt einer GROKO einer Staatskrise gleich.

Auf Stabilität der Obrigkeit wird in Luthers Land viel Wert gelegt. Da es – seit ein SPD-Vordenker Opposition als Mist bezeichnete – auch keine scharfe Opposition mehr gibt, wäre ein Auswechseln der Regierung sinnlos. Die neue Obrigkeit würde die alte Politik nur nahtlos fortsetzen.

Durch endlose, nicht nur praktische, sondern ideelle Kompromisse kompromittiert und nivelliert, sind die Parteien nicht nur wie ein gedankliches Wurzelwerk miteinander verflochten. Das gemeinsame Nervensystem garantiert auch in hohem Maße das Überleben jeder Gruppierung, die es zur anerkannten Partei gebracht hat. Da die großen Parteien, nehmt Alles in Allem, ungefähr die gleiche Politik verfolgen, sind die Machterfahrenen gewöhnlich im Vorteil, das Psychogramm einer Nation in Praxis zu übersetzen.

Jede Demokratie besteht aus zwei unsichtbaren Revieren: dem theoretischen der Auseinandersetzung in kompromisslosen Alternativen – und dem praktischen notwendiger Kompromisse, um das Menschenmögliche an Verbesserung der Gesellschaft zu erreichen.

Wahrheitssuche ist kompromisslose Gedankenarbeit jedes Einzelnen; demokratische Politik der Versuch, gedankliche Radikalität in praktische Verträglichkeit umzuwandeln, die, nach einer gewissen Erprobungszeit, erneut im Licht radikaler Wahrheitssuche beurteilt werden muss.

Nicht so im Land neogermanischer Baumbewunderer. Hier werden Gedanken nicht auf philosophische Wahrheit, sondern bereits im theoretischen Stadium auf ...

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Von vorne XVI

Tagesmail - Freitag, den 24. Mai 2019

Von vorne XVI,

„die Geschichte wird Merkel Recht geben“, sprach ihr Bewunderer Jean-Claude Juncker, und beschrieb sie als „liebenswertes Gesamtkunstwerk“.

Demnach genügt es, dass die Geschichte den Politikern Recht geben wird. Die Zustimmung der Völker scheint nicht mehr gefragt. Offensichtlich glaubt Juncker an eine Historiokratie, die Herrschaft des Volkes muss er ad acta gelegt haben.

Welcher Geschichte? Einer Geschichte, die ihren Abgang in Unwürde machen wird? Wenn Merkels Lob von entsetzlichen Stürmen über menschenleeren Kontinenten und versengenden Gluthitzen über Wüstengebieten erzählt wird?

Hat Juncker je den Begriff Klimakatastrophe gehört, hält er ihn für die Erfindung wissenschaftlicher Alarmisten?

Schön, dass christliche Politiker einander lieben. Doch was ist ein Gesamtkunstwerk?

„Die Idee des Gesamtkunstwerks entsteht in der Zeit der Romantik. Der Philosoph Friedrich Schelling betonte etwa die „nothwendige Gottwerdung des Menschen“ (Bruno oder über das göttliche und natürliche Princip der Dinge, 1802). Dieses gesteigerte Selbstbewusstsein erlaubte es, das Schaffen des Künstlers dem Schaffen der Natur gleichzusetzen.“ (Wiki)

Ein Gesamtkunstwerk vollbringt die Gottwerdung des Menschen, das Schaffen des Künstlers wird identisch mit dem Schaffen der Natur. Wem kommt das nicht bekannt vor?

Das gottähnliche Gesamtkunstwerk ist Vorläufer des gottebenbildlichen Quantencomputers, der, identisch mit der Natur, alle Probleme der Menschheit in Blitzesschnelle lösen wird.

Ein Gesamtkunstwerk ist Richard Wagners dramatische Oper, die die verkommene ...

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Von vorne XV

Tagesmail - Mittwoch, den 22. Mai 2019

Von vorne XV,

alte Erlöser haben weder Gestalt noch Schöne, moderne sind „selbstironische Enddreißiger mit skeptischem Blick und Turnschuhen“ – oder „oft ganz in Schwarz gekleidet und mit silbern glänzenden Turnschuhen und wirken eher wie Künstler.“ (SPIEGEL)

Seit Joschka Fischer sind Turnschuhe heilsnotwendig. Erlöser sehen nicht aus, wie Toren es sich vorstellen. Gott in Menschengestalt muss unauffällig daherkommen. Seine strahlende Gestalt würde den Menschen verraten, dass er kein gewöhnlicher Sterblicher sein kann. Die Sterblichen müssten nicht wider Augenschein glauben, sondern könnten ihren Sinnen trauen – und die Herrlichkeit des Herrn sehen.

Glauben wäre überflüssig, eine Selektion der Erwählten unmöglich. Alle Menschen würden selig; niemand käme ins höllische Feuer; Heils- und Unheilsgeschichte wären unmöglich; unerträgliche Langeweile herrschte auf dem Erdenrund.

Womit das Problem des Doketismus gelöst wäre: war Jesus nur zum Schein (dokein, scheinen) ein Mensch? Nein, wenn Mensch gottebenbildlich sein kann, kann Gott menschenebenbildlich sein. Die Menschwerdung, pardon, die Mannwerdung Gottes ist die Gottwerdung des Mannes. Den göttlichen Mann muss man erkennen, obgleich er lässig unter seinem Niveau daherkommt.

Bei den Griechen fielen Schein und Sein zusammen, sonst hätten sie die Schönheit nicht in Stein hauen können. Wenn das Wahre das Schöne ist, identisch mit dem Guten, können Äußeres und Inneres nicht auseinanderfallen. Sokrates musste wieder einmal aus dem Rahmen fallen. Wie konnte der übermütige Schalk und Menschenverführer derart hässlich sein, dass man ihn mit einem dämonischen Silenen verwechseln konnte?

Einer seiner Bewunderer durchschaute ihn. Alkibiades musste in Gleichnissen reden, womit er dem christlichen Messias den Wink gab, sich ebenfalls in Gleichnissen zu äußern. Freilich, der Heide sprach in Gleichnissen, um der „Wahrheit zu dienen.“ Jesus sprach in Gleichnissen, „damit sie mit sehenden Augen nicht sehen und mit ...

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Von vorne XIV

Tagesmail - Montag, den 20. Mai 2019

Von vorne XIV,

die Menschheit im Rückwärtsgang. Und wir dachten, wir wären schon weiter? Wie kann der Mensch auf ein früheres Stadium zurückfallen?

Fortschrittswahn ist linear und lässt keinen Rückschritt zu. Wer nicht mitkommt oder zurückweicht, kommt unter die Räder.

Technischer Fortschritt lässt sich messen. Einen humanen Fortschritt darf es heute nicht geben, denn er würde vergleichbare Lernwege voraussetzen. Das aber wäre Uniformierung des unvergleichlichen Ichs. Bemerkungen über Reife oder Unreife wären unangebracht, wenn Entwicklungen anhand objektiver Kriterien nicht beurteilt werden können.

Solange Schule herrscht, dominiert Test- und Prüfungszwang. Da wird alles miteinander verglichen und zensiert, nur das Wesentliche nicht: demokratische Reife. Der Nachwuchs soll auch nicht demokratisch sein, er soll vergleichbar fungibel und industrie-kompatibel gemacht werden. Hier herrscht keine Angst vor Uniformität. Mit Kindern und Abhängigen kann man‘s ja machen.

Was ist demokratische Reife?

Die Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen,
selbstbestimmt über ein lebenswertes Leben nachzudenken,
und mit dem faktischen Zustand der Welt zu konfrontieren,
die eigene Sicht der Dinge mit anderen zu vergleichen
und um die beste Wahrheit zu kämpfen,
den Mut aufzubringen, unter wachsamer Selbstprüfung das Faktische dem für richtig Gehaltenen anzunähern
und, ausgestattet mit diesen Fähigkeiten, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Leben und das der Menschheit.

Verantwortung übernehmen heißt, nach getaner Tat erleichtert und ...

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Von vorne XIII

Tagesmail - Freitag, den 17. Mai 2019

Von vorne XIII,

„Ich wage die Vorhersage, dass die Diskussion über den Klimaschutz in drei Jahren ganz anders geführt wird, falls 400 000 Leute aus der Automobilindustrie entlassen werden müssen." (FDP-Lindner)

Wenn die Niederlande verschwunden sind, Hamburg unter Wasser steht, die Böden ausgetrocknet sind, Hitzewellen die Kontinente in Bruthöllen verwandelt haben, schreckliche Kriege um die letzten erträglichen Territorien entbrannt sind, die Menschheit nicht mehr ernährt werden kann – dann wird die Diskussion über den Klimaschutz noch ganz anders geführt werden: denn sie wird gar nicht mehr geführt werden. Das Undenkbare wird zum a-t-e-m-b-e-r-a-u-b-e-n-d-e-n Ereignis geworden sein.

Wie intelligent ist eine Menschheit, die sehenden Auges die Apokalypse herstellt, die sie noch immer als Gruselmärchen beiseiteschiebt?

In jedem Überlebenstest (den es vorsichtshalber nicht gibt) würden die Deutschen – inzwischen zur Derriere-garde der europäischen Klimaschützer abgesunken – die Prädikate debil bis imbezil erhalten. Gängige IQ-Tests messen vor allem mathematische Fähigkeiten, nicht weil Mathematik die logische Verlässlichkeit und Schönheit der Natur spiegelte, sondern weil sie den Kern jener Wissenschaften bildet, mit denen die Natur effektiv stranguliert werden kann. Mathematik ist seit 500 Jahren zur entscheidenden Herrschaftswissenschaft geworden.

Über dem Eingang zur platonischen Philosophenschule soll der Satz gestanden haben:

Kein Zutritt für die der Geometrie Unkundigen.“

Dennoch war es nicht Platon, der dem Abendland die Mathematik als Killerin der Natur überlieferte.

„Wo Mathematiker, wie Eudoxos oder Archytas, die Anwendung der Geometrie im Raum der Mechanik begründeten und geometrische Fragen durch ...

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Von vorne XII

Tagesmail - Mittwoch, den 15. Mai 2019

Von vorne XII,

zwei Gespenster gehen um in der Welt, die in Wirklichkeit nur ein einziges sind. Das eine nennt sich Kapitalismus, das andere Sozialismus. Vordergründig liegen sie im Kampf, hinter den Kulissen sind sie sich einig in der Verachtung des Menschen, den sie für eine Marionette der Geschichte halten.

Geschichte ist für beide die innige Verbindung einer Heilsgeschichte für Wenige mit einer Unheilsgeschichte für Viele. Heil und Unheil zusammen nennen sie Fortschritt, der einer winzigen Minderheit Reichtum und Macht, der riesigen Mehrheit Abhängigkeit, Ohnmacht und Elend einbringt.

Über die Belange der Menschheit hat die Mehrheit nicht mitzureden. Sie ist Gesetzen der Geschichte untertan, die von der Minderheit erfunden und als Elemente grenzenloser Machtanhäufung dargestellt werden. Unbegrenzte Macht über Natur und Mensch, von Menschen kreiert, wird von den Nutznießern der Allmachtsphantasien als unabänderliche Naturgesetze vorgestellt, die das Herz der Geschichte sein sollen.

Geschichte wird nicht von Menschen bestimmt, sondern von Kräften, die den Menschen himmelweit überragen. Indem sie über die Geschicke des Menschen bestimmen, als ob sie Gesetzen der Natur gehorchten, gelingt es ihnen, Macht über die Erde auszuüben, ohne für irgendetwas verantwortlich zu sein.

Gott nennen die Frommen ihre Zuversicht und Macht, die sie in Deutschland als irdische Ohnmacht, in Amerika als Vorschein jenseitiger Allmacht darstellen. Nichtfromme reden von Evolution oder materialistischem Klassenkampf. Gott, Evolution oder Klassenkampf: allen geht es um Heilsgeschichte.

Heilsgeschichte wurde von Völkern erfunden, die ihr Schicksal auf Erden unerträglich fanden, aber keine Möglichkeiten sahen, sich von ihrem Los zu befreien. Eines fernen Tages werden sie in einem imaginären Reich zu Herren der Gesamtgeschichte ...

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Von vorne XI

Tagesmail - Montag, den 13. Mai 2019

Von vorne XI,

was wäre, wenn Amerika sich aus der NATO zurückzöge? Dann schlüge die Stunde der Kanzlerin:

Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen", hatte die Kanzlerin vor zwei Jahren in einem bayerischen Bierzelt gefordert und damit eine Diskussion angestoßen, die seitdem nicht verstummt ist. "Strategische Autonomie" ist das neue Schlagwort der Europapolitik, die EU hat es zum offiziellen Ziel ihrer Verteidigungspolitik erklärt.“ (SPIEGEL.de)

Globale Wirtschaft, „Freihandel“ genannt, kennt keine Autonomie. Da muss jeder von jedem abhängig sein, die Großen selbstverständlich auf Kosten der Kleinen, doch irgendwie klingt alles gleichberechtigt und fair.

Globale Feindschaft, die endlich für klare Verhältnisse sorgt und den altmodischen Frieden hinter sich lässt, kennt keine Autonomie. Entweder schützt der Große Bruder, doch wenn der keine Lust mehr hat, muss man sich selber schützen. Das kostet. Brexit-England und Frankreich müssen die entstehende Atomlücke mit eigenen Beständen ausgleichen. Deutschland sackt ab, inzwischen auch wirtschaftlich.

Worüber man alternativlos nachdenkt, gar Planspiele anstellt: das will man selbsterfüllend herstellen. Planspiele über eine Weltfriedensordnung sind spurlos verschwunden. Planspiele über Kriege tun, als seien sie neutral und apolitisch:

„Uns geht es nicht um Visionen", sagt der IISS-Militärexperte Bastian Giegerich, "uns geht es um Fakten."

Militärexperten und Medien müssten sich prächtig verstehen, denn beiden geht es nicht um Meinungen und Willensbekundungen, sondern um unbefleckte Fakten.

„Es fehlt an U-Booten, Flugzeugträgern, an Flugzeugen zur U-Boot-Bekämpfung. Um dieses Defizit zu beseitigen, müssten die Europäer nach den Berechnungen des IISS zwischen 94 Milliarden und 110 Milliarden Dollar investieren. Die Kosten für ...

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