Philosophische Tagesmails

Sofort, Hier und Jetzt LXXXI

Tagesmail - Montag, den 25. Februar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXXI,

Entwarnung. Es gibt keinen Antisemitismus mehr, es kann keinen mehr geben:

„Ein Neurowissenschaftler hat mir einmal gesagt, eine Geschichte der Gefühle zu schreiben, sei so unmöglich, wie eine Geschichte der Gallenblase zu schreiben, Gefühle hätten keine historische Dimension.“ (SPIEGEL.de)

Antisemitismus ist ein menschenhassender Gefühlskomplex. Wenn es keine Gefühle mit historischen Dimensionen gibt, kann es auch keinen Antisemitismus geben. Die Neuro-Wissenschaft – die Spitze aller Wissenschaften – hat die Vergangenheit eines Menschheitsproblems elegant und gefühllos bewältigt. So denkt der süddeutsche Historiker Biess – nicht. Und plötzlich denkt er doch so. Deutsche sind sehr tapfer, vor Widersprüchen kennen sie keine Furcht. Die Frage des SPIEGEL:

„Versuchen Sie, die Deutschen auf die Couch zu legen? Glauben Sie an eine Art kollektives Unbewusstes, das sich in Ängsten äußert?“ beantwortet er:

„Nein. Ich bin sehr skeptisch, wenn es um so eine Psychogeschichte geht. Für mich wird ein Gefühl in dem Augenblick real, in dem es artikuliert wird. Wir leben in einem Chaos von Sinneseindrücken, und ein Satz wie "Ich habe Angst" ist ein Versuch, dieses Durcheinander zu ordnen und als ein spezifisches Gefühl zu definieren.“

Wo eigentlich sind die Tiefenpsychologen verschollen? Ihre Skinner‘schen Gegner von einst haben sie vollständig aus dem Feld geschlagen. Nicht Ich-Es-Überich beherrscht den Menschen, sondern eine unerkennbare black box, die als Schwarzes Loch das Universum, ja, sogar die deutsche Finanzpolitik erobert hat. Gottlob, der Kosmos leidet nicht an Verdrängung und muss nicht auf des Schöpfers Couch, um aus einem ...

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Sofort, Hier und Jetzt LXXX

Tagesmail - Freitag, den 22. Februar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXX,

allzeit bereit – die Losung christlicher Pfadfinder wird zum Leitgedanken der Gegenwart:

Wachet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde, in welcher des Menschen Sohn kommen wird.

Amerikanische Prepper rüsten für die Endzeit, decken sich ein mit Waffen, Generatoren und Lebensmitteln, die sie in verborgenen Schutzräumen horten – für den Tag X, an dem das Außerordentliche geschehen wird. Ein deutscher Prepper…

… hat Vorräte gebunkert. Am Tag X wird er seine Frau und die beiden Kinder ins Auto setzen und sein Versteck ansteuern. Wo es liegt, soll niemand wissen. Seine Familie wäre sonst in Gefahr. "Wer nicht vorgesorgt hat, wird schauen, wo es was zu holen gibt", sagt er. "Und dann stehen sie plötzlich alle bei mir vor der Tür."“ (SPIEGEL.de)

Das ist unvollkommener Glaube. Wahre Gläubige vertrauen blind ihrem Herrn, der sie bei seiner Wiederkunft im Nu in die Lüfte entrücken wird.

Deutsche halten nichts von Endzeitmythen, weder in religiöser noch in ökologischer Sicht. Sie tun das Gegenteil, negieren alle Gefahren und handeln, als sei nichts geschehen: sie prokrastinieren. Alles verschieben sie auf den Sankt Nimmerleinstag.

Die einen sind die Überwachen, die anderen bevorzugen das Schlafwandeln – das durchaus mit äußerer Hetze verträglich ist. Dafür müssen sie bezahlen mit verborgenen Ängsten, Misstrauen und Hass gegen die Aufgeweckten. Wer vor dem nahenden Inferno warnt, wird ausgegrenzt. EU-Präsident Juncker ächtete Greta Thunberg mit einem Handkuss und sagte kein einziges Wort.

Kinder schützen sich vor Gefahren, indem sie ihre Augen bedecken. Wenn sie nichts sehen, so glauben sie, werden auch sie nicht gesehen. Deutschland hat eine Binde vor den Augen, auf dem Land liegt eine Atmosphäre des Verdrängens und ...

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Sofort, Hier und Jetzt LXXIX

Tagesmail - Mittwoch, den 20. Februar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXIX,

wenn harte Zeiten kommen, müssen die Kinder dran glauben.

„Da trippelten Kinder hungernd
In Trüpplein hinab die Chausseen
Sie wollten entrinnen den Schlachten,
Dem ganzen Nachtmahr
Und eines Tages kommen,
In ein Land, wo Frieden war.“ (Brecht, Kinderkreuzzug)

Wenn harte Zeiten kommen, beginnt das Gemetzel der Generationen. Kinder misstrauen ihren Eltern, Eltern beginnen, die aufkommenden Anklagen ihrer Kinder zu fürchten und zu hassen.

Was wäre, wenn Greta Thunberg eine Deutsche wäre? Hätte man sie nicht auf der Stelle auf den Sockel gehoben? Wäre sie nicht der lebendige Beweis gewesen, dass Deutschland noch zu messianischen Qualitäten fähig wäre? Nimmt man ihr übel, dass sie keine deutsche Jungfrau von Orleans ist? Die Kanzlerin-Mutter duldet keine Konkurrenz.

Wenn‘s die Erwachsenen vermasseln und vergeigen, müssen ihre Kinder die Zeche bezahlen: entweder werden sie heilig gesprochen – oder Opfer eines erbarmungslosen Kindermords. Wenn die Erwachsenen nicht ihre Hausaufgaben machen, gehen wir Zeiten eines noch nie da gewesenen Kindermords entgegen.

Sie sollen es besser haben – aber erst, wenn sie bei Seinen Engeln sind.

Entweder werden Kinder ihre Eltern erretten – oder sie werden dran glauben müssen.

„Der regierende König wird durch Prophezeiung von der Geburt seines künftigen Überwinders benachrichtigt und versucht, seinem Schicksal zu entgehen, indem er ...

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Sofort, Hier und Jetzt LXXVIII

Tagesmail - Montag, den 18. Februar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXVIII,

die Welt in Not – und schon ist sie da, die Frage: Wie kann Deutschland die Welt retten?

Gar nicht.

Wenn alle Völker zusammenkommen und sich gemeinsam aus dem Sumpf ziehen, dann und nur dann werden sie sich retten können.

Es muss ein weltumspannendes Gespräch geben, wie es die Geschichte noch nicht erlebt hat. Nicht Macht, Technik und Handel dürfen den Globus umspannen, mit Produkten ersticken, mit Vergiftungen erdrosseln, mit Raubbau ausbluten, sondern die Vernunft der Menschheit – ja, es gibt sie, sie muss nur die Gelegenheit erhalten, sich weltweit in der Stimme jedes Einzelnen zu artikulieren – muss als Weisheit des homo sapiens zum Leitfaden seines terrestrischen Denkens, Fühlens und Handelns werden.

Kann die Welt sich retten? Wenn sie nicht daran glaubt, hat sie ihren historischen Bankrott schon besiegelt. Wenn sie daran glaubt und den Glauben zur Vernunft bringt, gibt es keinen Grund zur Resignation. Auf ein Prinzip Hoffnung als Garantie allgewaltiger Schicksalsmächte muss verzichtet werden.

Wir können uns aus der Not retten, wenn wir uns nicht länger von anonymen illusionären Mächten erretten lassen. Erretter, Erlöser, Heilande, Geschichte, Götter und Propheten werden uns nicht zu Hilfe kommen. Sie existieren nur in der Vorstellung Hilfloser, die es aufgegeben haben, ihre natürlichen Denkfähigkeiten zu entwickeln. Der Glaube an eine messianische Allmacht hat den Menschen entmündigt.

Ruf mich an in der Not, so will ich will dich erretten: das ist Rauschgift für Menschen, die ihren eigenen Kräften nicht vertrauen.

Die gegenwärtige Krise ist schwierig, aber notwendig. Krisen sind ...

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Sofort, Hier und Jetzt LXXVII

Tagesmail - Freitag, den 15. Februar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXVII,

in München und Davos, da ist was los, aber immer noch zu wenig – wie man im SPIEGEL lesen kann:

„Die Münchner Sicherheitskonferenz sollte sich daher vor allem mit der Frage befassen, wann ökonomische Konkurrenz in den Krieg führt, um genau das zu verhindern. Man kann nicht mehr über globale Sicherheit reden, ohne über globales Wirtschaften zu reden. Davos und München gehören zusammen.“ (SPIEGEL.de)

Wahrhaft, die Wirtschaftsweisen regieren die Welt. Woran man das erkennt? Sie haben die Stellung der mittelalterlichen Theologen übernommen. Gottesgelehrte wussten früher alles besser als die Weisen dieser Welt. Heute wissen die Ökonomen alles besser als all ihre akademischen Kollegen.

Mittlerweilen wissen sie sogar, dass wirtschaftliche Konkurrenz zum Krieg führen könnte. Oder müsste. Oder gar sollte? Zudem sind sie die besten Psychologen, die mehr über das Verhalten der Menschen zu sagen haben als Freud & Co.

Welche psychische Eigenschaft regiert den Menschen? Der Neid. Sagt ein Neuroökonom namens Armin Falk. Richtig gelesen: die Gesetze des exakten Kapitalismus werden durch exakte Gehirnforschung bestätigt. Bezogen sich die Theologen auf Dogmen der Offenbarung, so beziehen sich moderne Wirtschaftler auf Dogmen der Marktwirtschaft und die prästabilierten Furchen des Großhirns.

„Es widerspricht einem zentralen Grundsatz der sozialen Marktwirtschaft, der aussagt: Arbeit muss sich lohnen. Neid ist das Unbehagen, dass andere etwas haben, was ich nicht habe. Es gibt negative Formen von Neid, die destruktiv sind und darauf zielen, andere schlechtzumachen.“ (SPIEGEL.de)

Bitte anschnallen, jetzt wird’s wissenschaftlich:

„In der Neuroökonomie kommen bildgebende, elektrophysiologische und ...

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Sofort, Hier und Jetzt LXXVI

Tagesmail - Mittwoch, den 13. Februar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXVI,

es gibt nur noch ein Mittel gegen die kapitalistische Pestilenz: die Weisheit des Begründers des Kapitalismus:

„Ungerechtigkeit wirkt mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft zu zerstören. Der Mensch hat eine natürliche Liebe zur Gesellschaft und wünscht, dass die Vereinigung der Menschen um ihrer selbst willen erhalten werde, auch wenn er selbst keinen Vorteil aus ihr ziehen sollte. Der geordnete und blühende Zustand der Gesellschaft ist ihm angenehm und er findet seine Freude daran, ihn zu betrachten. Unordnung und Zerrüttung der Gesellschaft dagegen erweckt seinen Abscheu und er ärgert sich über alles, was die Tendenz hat, solche Unordnung hervorzurufen. Er ist sich auch dessen bewusst, dass sein eigenes Interesse mit dem Gedeihen der Gesellschaft enge verknüpft ist, und dass die Glückseligkeit, ja vielleicht die Erhaltung seines Daseins, von ihrer Erhaltung abhängt. Aus all diesen Gründen hegt er darum einen Abscheu gegen alles, was dahin zielen kann, die Gesellschaft zu zerstören, und ist bereit, sich jedes Mittels zu bedienen, dass ein ihm so verhasstes und schreckliches Ereignis zu verhindern vermag.“ (Adam Smith)

In einer aufsehenerregenden Untersuchung wurde dieser Text ohne Nennung des Verfassers anerkannten Ökonomen vorgelegt. Sie sollten nachweisen, dass ihnen Texte des Urkapitalismus vertraut sind und sie den Namen des Verfassers nennen können. Das Ergebnis war frappierend (wie alle wissenschaftlichen Erkenntnisse heutzutage frappierend sind): nur ein Gelehrter tippte auf den richtigen Namen. Es war der Außenseiter vom Dienst, der einen Lehrstuhl für die Ethik des Kapitalismus innehatte.

Solche ethischen Sonderlinge gibt es. Der Zutritt zur Gruppe der Wirtschaftsweisen, die Aufmerksamkeit der Medien, die Nähe zur Regierung ist ihnen verschlossen. Stellungnahmen aus traumtänzerischer Sicht schaden der Konkurrenzfähigkeit der ...

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Sofort, Hier und Jetzt LXXV

Tagesmail - Montag, den 11. Februar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXV,

„Staatskunst ist die schwerste aller Disziplinen. Es wird Zeit für Realpolitik.“ (WELT.de)

„Europa braucht eine neue Friedensbewegung“. (Sueddeutsche.de)

Realpolitik ist eine Salonformel für den militaristischen Willen zu Krieg und Kriegsgeschrei. Michael Stürmer, Historiker, lässt keine Altersmüdigkeit erkennen, in der WELT das friedensverwöhnte Deutschland auf die Stürme der Zukunft vorzubereiten.

Die Journalistin Ferdos Forudastan, SZ, fordert hingegen eine neue Friedensbewegung:

„Vor allem aber kommt es darauf an, dass die Bürger, denen eine wache und wahrnehmbare Friedensbewegung am Herzen liegt, sich als ihren Teil begreifen und in ihr engagieren. Für die Friedensbewegung der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre war die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg noch sehr gegenwärtig. Viele der mehr als 300 000 Demonstranten im Bonner Hofgarten Anfang der 80er-Jahre waren mit den Geschichten ihrer Eltern oder Großeltern vom Krieg aufgewachsen und in den Jahren der Konfrontation zwischen West und Ost großgeworden. Ihr Protest gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen war auch getragen vom Gefühl der unmittelbaren Bedrohung. Die meisten jungen Menschen in Deutschland haben dieses Gefühl nicht, bisher jedenfalls nicht. Mag sein, dass sich das ändert, wenn in sechs Monaten der INF-Vertrag endgültig Geschichte ist. Allein davon hängt es allerdings nicht ab, ob es bald wieder eine große, starke Bewegung geben könnte, die sich dagegen auflehnt, dass weitere Atomwaffen den Frieden in Europa ...

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Sofort, Hier und Jetzt LXXIV

Tagesmail - Freitag, den 08. Februar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXIV,

vor die gleichberechtigte Sinnlichkeit hat Gott die Gleichberechtigung gesetzt.

Mit wem hat Gott Sex? Mit seinen Geschöpfen, die er erniedrigen und bestrafen, erretten und erhöhen muss, um das finale Halleluja oder den Orgasmus eines einsamen Gewaltigen zu erleben, der niemanden hat, welcher ihm gleichberechtigt wäre und sich Kreaturen aus den Rippen schwitzen muss, mit denen er eine Geschichte lang himmelhochjauchzende und zu Tode betrübte Affären erlebt – um am Ende seines missglückten Liebeswerbens sein Fiasko einzugestehen, das wie Triumph klingen soll, allein, es klingt nur so:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde verging, und das Meer ist nicht mehr. Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet als eine geschmückte Braut ihrem Mann.
Und ich hörte eine große Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Stuhl saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will den Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein. Der Verzagten aber und Ungläubigen und Greulichen und Totschläger und Hurer und Zauberer und Abgöttischen und aller Lügner, deren Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der andere Tod.
Und es kam zu mir einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen voll der letzten sieben Plagen hatten, und redete mit mir und sprach: Komm, ich ...

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