Philosophische Tagesmails

Von vorne V

Tagesmail - Freitag, den 26. April 2019

Von vorne V,

ginge die Demokratie verloren, wäre die Moderne unfähig, sie wieder zum Leben zu erwecken. Gegenwärtig ist sie dabei, die letzten demokratischen Reste mit jedem Tag, an dem das Alte guillotiniert wird, zu verscherbeln.

Das Neue muss her, gleich, ob es gut oder schlecht ist. Es muss gut sein, weil es neu ist. Das Alte schlecht sein, weil es alt ist. So beginnt die Sprachverderbnis. Das Schlechte ist nicht mehr schlecht, sondern alt, das Gute nicht mehr gut, sondern neu. Das ist die erste Stufe.

Auf der nächsten Stufe wird neu durch modern oder fortschrittlich ersetzt. War neu eine himmlische Offenbarung, wird modern zur Errungenschaft des Menschen. Das Gute schillert zwischen passiver Erleuchtung und autonomer Erkenntnis.

Was aber ist autonome Erkenntnis? Für die Alten war Erkenntnis die Wahrnehmung der Natur, die ihre Gesetze und Geheimnisse den Menschen preisgibt. Für moderne Ohren klingt das wie überhebliches Belehren der Natur und gehorsames Nachplappern des Menschen. Nicht für alte Ohren: Erkennen ist die Aktivität des Menschen, der sich erarbeiten muss, was die Natur ihm preisgibt. Erkennen ist eine erotische Begegnung zwischen Mensch und Natur.

Die unklare Verquickung von menschlicher und natürlicher Leistung ist die Ideologie des Abendlandes: stolz sein auf eigene Fündlein, wenn sie erfolgreich sind; in demütigem Leid alles aus der Hand des Himmels empfangend, wenn sie zum Desaster werden. Der moderne Mensch hat die Schuld abgeschafft. Es gibt nur noch Erfolge und moralfreies Versagen. Die Erfolgreichen gewinnen alles (the winner takes it all), die Versager verschwinden im Dunklen Loch der Geschichte.

Ursachenerforschung dient allein dem Narzissmus der Nobilitierung, nicht der Feststellung von Schuld und Versagen. Auf die Liste der Weltsieger gelangen nur Genies, Milliardäre ...

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Von vorne IV

Tagesmail - Mittwoch, den 24. April 2019

Von vorne IV,

Roboter werden die Natur endgültig in einen kalten, menschenfeindlichen Planeten verwandeln. Was seinem Erfinder trotz verzweifelter Bemühungen noch immer nicht gelang, soll seine Erfindung in geistloser Mechanisierung zustande bringen: die Planierung der Erde.

Es gibt keine künstliche Intelligenz. Es gibt nur eine natürliche, die in künstliche Behälter verpflanzt wird, um in einem finalen Akt zu vollstrecken, wovor die natürliche Intelligenz sich noch scheut. Indem der Mensch seine Beherrschungs- und Vernichtungswut, die er Intelligenz nennt, an Maschinen delegiert, will er jede Schuld an seiner Selbstauslöschung verleugnen. 

Die Übertragung von Schuld geschieht nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit. Der Mensch erschuf GOTT, der die Natur erschaffen haben soll, um sie nach kurzer Probezeit wegen Untauglichkeit zu vernichten – und dessen SOHN, der alle Menschenschuld auf seine Schultern nahm, um die missglückte Kreatur von ihrer „Sünde und Bosheit“ zu befreien. Gott & Sohn waren die ersten Erfindungen des Menschen, um seine Verantwortung auf andere zu übertragen. "Die auf Ihn trauen, werden keine Schuld tragen."

Was der Mensch nicht kann, aber können will: dazu erschafft er sich eine imaginäre Überwelt mit VATER und SOHN, die den Träumer von aller Ohnmacht erlösen sollen: er ist Vater, er ist Sohn. Vater & Sohn sind Subjekte der Weltgeschichte, die alles Weibliche & Natürliche als Irrtümer des Universums ausschalten.

Indem der Mensch seine Schöpfer erschafft, die ihn als Geschöpf erlösen, erlöst er sich selbst – mit Hilfe einer projektiven allmächtigen Erfindung. Als Schöpfer Gottes ist er allmächtig, als Geschöpf seiner Schöpfung ohnmächtig. Allmächtig ist er, damit er stolz sein kann auf sein Ingenium, ohnmächtig, weil er, aus Angst vor ...

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Von vorne III

Tagesmail - Montag, den 22. April 2019

Von vorne III,

wie lautet – in Kurzform – das politische Programm einer toten Regierung?

„Wir befinden uns auf gutem Wege.“

Warum lieben die Deutschen ihre Kanzlerin? Sie ist Geist von ihrem Geist.

Solange Angela besonnen am Steuer des Schiffleins steht, keine hektischen Reden hält, kann die Titanic nicht untergehen. Solange sie keine planetarischen Unwetter ankündigt, nicht vor dräuenden Gefahren warnt, wird es keine geben. Ruhig, bleibe ruhig, mein Kind, in dürren Blättern säuselt der Wind. Ihr seherischer Blick ist über das Irdische hinaus gerichtet. Von Oben sind die Ereignisse der Welt nichts als winzige Possenspiele.

Die von nationalen Katastrophen geschüttelten Deutschen wollen die Frohe Botschaft hören: nach Leid und Kummer wird das Leben siegen. Leid, Schmerzen, Ängste: das ist Karfreitag. Leben: das ist österliche Auferstehung. Das Leben muss mit Leid und Tod bestraft werden. Sonst hat es keinen heroischen Tiefgang.

Die Botschaft muss von Oben kommen. Es muss eine göttliche Garantie geben, damit die Deutschen aufatmen können: nein, an ihnen liegt es nicht, rettende Maßnahmen zu ergreifen. Die Hand Gottes ist unsichtbar, aber wirksam und allzeit bereit.

Alles geht seinen vorherbestimmten Gang. Die Zukunft wird so unausweichlich über uns kommen wie die Wiederkunft des Herrn. Sollten die törichten Jungfrauen schlafen, wenn der Herr an die Pforte klopft, wird es kluge Alexas geben, die sie aufwecken: aufwachen, ihr Schläferinnen, euer männlicher Erlöser steht vor der Tür.

Dann werden sie sich erwartungsvoll in Reih und Glied stellen, der heilige Bachelor wird vor sie treten mit einem Strauß Rosen in der Hand. Doch die Blumen sind nicht für alle. Der göttliche Charmeur sieht das Herz an, er sieht nicht, was vor Augen ist. Heulen und Zähneklappern bei den Verworfenen, endloser Jubel bei den Erwählten, die die Heilige Hochzeit mit dem Einzigartigen feiern dürfen. Ist es nicht tröstlich, dass selbst profane Sender dem Volk neutestamentliche Gleichnisse zur abendlichen ...

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Von vorne II

Tagesmail - Freitag, den 19. April 2019

Von vorne II,

an Karfreitag, dem höchsten Fest des leidenden Erlösers, der sich in drei Tagen zum Herrn des Universums erheben, die Menschheit richten, die Welt vernichten, die Massen ewig peinigen, foltern und die Seinen für immer selig machen wird, werden Natur, mündiger Mensch und seine universellen Rechte ans Kreuz genagelt.

Regelmäßig an Karfreitag wird der Westen mit pia fraus, einem frommen Betrug, zum christlichen Abendland verfälscht.

Demokratie und Menschenrechte entstammen nicht dem Christentum, sondern der griechischen Philosophie. Jahrhundertelang unterdrückte die Kirche alle Bestrebungen, die Autonomie des Menschen zur politischen Realität werden zu lassen.

Inzwischen haben sich die Kleriker mit dem Geist der selbstbestimmten Würde eingelassen. Sie folgen ihrem uralten Herrschaftsinstinkt: was wir nicht unterdrücken können, verfälschen wir zur eigenen Erfindung und setzen uns an die Spitze der Bewegung. Seitdem sollen Freiheit, Gleichheit und Humanität auf dem Boden der Gottebenbildlichkeit des Menschen gewachsen sein.

Der Gott der Christen ist kein Demokrat, sondern ein allmächtiger Despot. Wer ihm ähnlich oder ebenbildlich sein will, muss von Allmachtswünschen besessen sein.

Demokratie beruht auf dem Prinzip der Gewaltenteilung und der Auseinandersetzung der Menschen auf gleicher Augenhöhe. Omnipotenz und Herrschaft des Volkes schließen sich aus.

In Erlöserreligionen ist der Mensch ein Nichts, der nur durch unverdiente Gnade zu einem Etwas werden kann. Wer sich nicht der Allmacht ergibt, erfährt keine grenzenlose Liebe, sondern endlose Pein.

Die überwiegende Zahl der Christen folgt nicht mehr dem Ungeist eines Rachegottes, sondern der irdischen Vernunft, die jeden Menschen auszeichnet – auch wenn ...

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Von vorne I

Tagesmail - Mittwoch, den 17. April 2019

Von vorne I,

brennt eure Gotteshäuser, Kathedralen und Dome nieder und eure Probleme werden sich in Rauch und Wohlgefallen auflösen.

Nach seiner demütigenden Pilgerreise durchs niedere Volk wird der französische Präsident auferstehen zum neugeborenen Helden der Nation. Er wird das prächtige Ungetüm in Rekordzeit wieder aufbauen und der geretteten Dornenkrone des Herrn einen unvergänglichen Anbetungsplatz zurückgeben.

Notre Dame ist nicht nur ein Symbol Frankreichs, das sich auf seine katholische Tradition besinnt und alles Revolutionäre und Gottlose hinter sich lässt – die Kathedrale ist zum Wahrzeichen des ganzen christlichen Abendlandes geworden, wie die deutsche Kollegin Emmanuel Macrons ergriffen erklärte.

Der Brand wird die Gelbwesten von der Straße fegen, die jugendlichen Demonstranten für das Überleben der Gattung in den Schatten stellen, die Heimkehr ins christliche Mittelalter befördern, den religiösen Stolz des Westens aufrichten, die zerstrittenen europäischen Nationen wieder zusammenführen und selbst die Milliardäre rehabilitieren.

Wie glänzend sie auf den Dächern von Paris stehen und auf die Welt hinabschauen: die Schönen, Schlanken, Leistungsfähigen – und Guten. Und sollte der ungläubige Rest der Welt dreister und aggressiver werden, wird selbst die deutsche Armee ihre Schlagkraft von einst zurückgewinnen und die westliche Verteidigungsgemeinschaft unüberwindlich machen.

„Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Welttheil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs. – Wie heiter konnte jedermann sein irdisches Tagewerk vollbringen, da ihm durch diese heiligen Menschen eine sichere Zukunft bereitet, und jeder Fehltritt durch sie vergeben, jede missfarbige Stelle des Lebens durch sie ausgelöscht und geklärt wurde. Sie waren die erfahrnen Steuerleute auf dem ...

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Sofort, Hier und Jetzt C

Tagesmail - Mittwoch, den 10. April 2019

Sofort, Hier und Jetzt C,

sofern natürliche Intelligenz sich demnächst – wegen mangelnder Intelligenz – nicht selbst ausrottet, wird die Zukunft von KI bestimmt werden. Denn der Mensch ist dabei, seine Zukunft der Maschine zu übergeben.

Künstliche Intelligenz entspringt der Fähigkeit des Menschen, seine natürliche Intelligenz einem vollständig intelligenzfreien Ding einzupflanzen. Einem toten Kasten, einem stumpfen Lehmbrocken, einem metallenen Behälter, einer hölzernen Maschine.

Lehrer, die sich für überragend intelligent halten, würden hinzufügen: einer strohdummen Klasse von Flegeln. Ein allwissender Gott würde sagen: einem Erdenkloß, der sich einbildet, Mir gleich zu sein – Mir!

„Da bildete Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Ackerboden und hauchte ihm Lebensodem in die Nase: so ward der Mensch ein lebendes Wesen.“

Menschen zeugen intelligente Menschen, indem sie der Natur vertrauen, vernunftbegabte Wesen zu schaffen, die sich erkennend und lernend mit der Welt vertraut machen.

Wenn ein Gott auf Ackererde angewiesen ist, kann er kein creator ex nihilo sein. Er ist nur ein platonischer Demiurg, der eine gigantische Knetmasse (eine außergöttliche Substanz oder ein „Chaos“) benötigt, mit der er seine Wunschwelt formen kann. Da eine solche Knetung auf Natur angewiesen ist, bedeutet das die Abhängigkeit des Über-Mannes von minderwertiger mütterlicher Materie.

Der biblische Schöpfer beginnt seine Karriere in Abhängigkeit von etwas, was er nicht selbst erschaffen hat. Seine totale Unvergleichlichkeit muss er sich nachträglich (a posteriori) zulegen.

„Die einzige Stelle der Bibel, die explizit von einer „Schöpfung aus dem Nichts“ spricht, findet sich in 2. Makkabäer (7,28); dort heißt es: „Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt, und erkenne: Gott hat ...

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Sofort, Hier und Jetzt IC

Tagesmail - Montag, den 08. April 2019

Sofort, Hier und Jetzt IC,

Ludwig XV. hatte im Siebenjährigen Krieg das Angebot einer Erfindung abgelehnt, mit der er die englische Flotte hätte vernichten können, da er erkannte, dass sich die Waffe auch gegen andere Völker, auch gegen sein eigenes Land, richten konnte. Er wollte die Schrecken des Krieges nicht vermehren.

Präsident Roosevelt sah das potentielle Verhängnis der Atombombe, dennoch ordnete er den Bau der „schrecklichen Vernichtungswaffe“ an. Niemals erwog er die Möglichkeit, diese Waffe nicht einzusetzen und folgte allein dem Ziel, „als erster eine Atomwaffe zu produzieren und von ihr Gebrauch zu machen.“ (zit. nach Friedrich Wagner, Die Wissenschaft und die gefährdete Welt)

Was ist der Unterschied zwischen dem französischen Kaiser und dem amerikanischen Präsidenten? Fortschrittsglaube, Fortschrittsoptimismus, Fortschrittswahn, Fortschrittsfatalismus?

Seit Beginn der Moderne ist Fortschritt zum Dogma geworden. Es soll vorangehen, es soll sich alles verändern. War denn alles unerträglich geworden? Gab es keine Konservativen, die etwas bewahren wollten? Kann es denn konservative Parteien geben, wenn alles über den Haufen geworfen wird?

Die Konservativen der Gegenwart sind radikale Fortschrittler. Angela Merkel treibt, nach einigen Startproblemen, die Digitalisierung voran, als bereite sie dem Herrn den Weg. Nur ihre Bildungsministerin dozierte, der neue Mobilfunkstandard 5G sei nicht an jeder Milchkanne notwendig. Nachdem die Milchkannen protestierten, nahm die ungebildete Ministerin Vernunft an – vorausgesetzt, Vernunft und Fortschritt seien identisch. Wären sie nicht identisch, müsste Vernunft gegen Fortschritt agitieren. Da niemand agitiert, kann das nur bedeuten: die Deutschen haben keine Vernunft – oder Vernunft und Fortschritt befinden sich in unauflöslicher Ehe.

Was gibt’s zu bewahren, wenn das Alte zertrümmert werden muss? Den Glauben. Der Glaube soll bleiben, wie er ist – natürlich dem veränderten Zeitgeist ...

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Sofort, Hier und Jetzt XCVIII

Tagesmail - Freitag, den 05. April 2019

Sofort, Hier und Jetzt XCVIII,

immer noch diese Freitagsdemonstrationen gegen Klimaerwärmung? Ebbt die Zahl der TeilnehmerInnen noch immer nicht ab, damit wegen demokratischem Übereifer besorgte Medien Entwarnung geben können?

Zeit, dass etwas geschieht. Wenn der BGH schon nicht mit Eilanordnungen den Respekt vor dem Staat schützt, müssen Gymnasialobertanen den Zusammenbruch des Abendlandes verhindern: Alle Tests und Prüfungen auf den Freitag legen! Wer abwesend ist, wird mit ungenügend bestraft! Die Teilnahme am deutschen Abitur wird in Frage gestellt. Einen Nachtwächterstaat können wir uns nur in Sachen Wirtschaft erlauben. Landgraf, bleibe hart.

Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, eine verminderte Schulpflicht zu rechtfertigen: Durch Übermoralismus behinderte Kinder, die mit ihrem Rettungsgequatsche allen auf den Sack gehen, könnten vom Unterricht befreit werden. Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass die Schuleskapisten mit der flinken Zunge unter einem uralten Psychosyndrom leiden, das, wenn nicht Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, zum Schwarm-Flagellantismus ausarten könnte. Nicht nur könnte, die junge Generation ist bereits flächendeckend infiziert.

Es handelt sich um das Helfersyndrom. Bislang trat dieses Phänomen nur zwischen Einzelpersonen auf. Inzwischen soll die ganze Menschheit gerettet werden – ob sie will oder nicht. Internationale Neurologen drängen, die Paralyse des hinteren Gehirnlappens auf die Liste der gefährlichen Weltepidemien zu setzen.

Was ist ein Helfersyndrom? Hier eine schnelle Handreichung für jene, die ihre Zeit nicht mit Küchenpsychologie vergeuden können:

„Unter dem Begriff ‚Helfersyndrom‘ versteht man die Neigung einer Person, sich in zwischenmenschlichen Begegnungen überwiegend als Helfer anzubieten. Dabei hängt der Helfende wegen seines eigenen Bedürfnisses nach Bestätigung, Sozialkontakt oder gesellschaftlicher Anerkennung so sehr von Dank, Zuwendung oder Bestätigung durch den Hilfeempfänger oder die Gesellschaft ab, dass er seine Hilfsbereitschaft ...

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