Philosophische Tagesmails

Sofort, Hier und Jetzt XXXI

Tagesmail - Freitag, den 26. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXXI,

bei Maischberger saß ein 17-jähriger Jugendlicher, der die ungewöhnliche Leistung vollbracht hatte, als 11-Jähriger seiner chronisch-armen Hartz4-Familie zu entrinnen und seine Vergangenheit so zu bewältigen, dass er demnächst das Abitur machen wird – um in Harvard zu studieren. Seinen Werdegang konnte er so plastisch schildern, dass die Runde ihm gebannt zuhörte.

Doch niemand der anwesenden Experten fühlte sich angeregt, auf seine Lernerfahrungen einzugehen, um die Frage nach der Armut nicht nur aus Perspektive der Zahlen zu beleuchten. Wie fühlt sich ein Kind, das in einer armen Familie aufwachsen muss? Welche Blockaden muss es überwinden, um seinen angeborenen Genen, seiner von Natur-aus-vererbten Faulheit und Renitenz gegen die Gesellschaft zu entrinnen? Bestätigte die Leistung des Jeremias Thiel nicht die Meinung der Förderer und Forderer: jeder hat die Chance, seinem Elend zu entkommen und aufzusteigen, wenn er nur will?

„Mir bricht das Herz, wenn ich an meinen Zwillingsbruder denke, der die Flucht nicht geschafft hat und noch heute die Eltern nicht verlassen darf“, sagte Jeremias. Niemand fragte ihn: warum hast du es geschafft, warum nicht dein Zwillingsbruder?

Für Sahra Wagenknecht, bekehrte Marxistin, ist die introspektive Sicht auf das Leben ein Fast-Nichts oder eine Black Box des Bewusstseins, das mit dem Sein nichts zu tun hat.

Für Rainer Hank, gelerntem Theologen und gottesfürchtigem Neoliberalen, ist Armut – getreu dem Gnadendenken seines Lehrers Hayek – jener selbstverschuldete Zustand, der zu Recht mit Ausschluss aus der ehrenwerten Gesellschaft bestraft wird. Der Staat hat keinerlei Verpflichtungen gegen solche Parasiten – außer, sie vor dem ...

Weiterlesen...
 

Sofort, Hier und Jetzt XXX

Tagesmail - Mittwoch, den 24. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXX,

„«Wir sind nun einmal Tiere, in der Evolution entstanden durch die brachialen Kräfte der Selektion», so beschreibt es Gijsbert Stoet, Psychologieprofessor an der britischen Leeds-Beckett-Universität. In der Steinzeit habe es sich «für Männer ausgezahlt, Jäger zu sein, und für Frauen, sich um die Babys zu kümmern». Die Natur habe einige der dafür benötigten Fertigkeiten in die Hardware unseres Gehirns geschrieben; das könne man «nicht so leicht ändern»." (SPIEGEL.de)

Es gibt Wissenschaften, die man längst als Parasitenwissenschaften bezeichnen müsste. Sie klammern sich an ihre akademischen Pfründe, indem sie nichts anderes tun, als sich für überflüssig zu erklären. Zu ihnen zählen die meisten “Geistes“-Wissenschaften, die sich als verkappte Naturwissenschaften betätigen. Ein Psychologieprofessor verneint die Mühe, die menschliche Psyche formen oder erziehen zu können und propagiert die Unveränderlichkeit einer evolutionären Selektionsbiologie.

Marx, im politischen Leben gescheitert, triumphiert im Tempel der Wissenschaften. Das Sein, die Evolution, die Gene, die biologische Ausstattung bestimmen das Bewusstsein, die Psyche, den Geist des Menschen, mit dem er sich, nein, nicht über die Natur erheben, sondern im Rahmen der Natur seine Lebensvorstellungen realisieren kann.

Wenn Geisteswissenschaftler Harakiri begehen, haben auch Naturwissenschaftler keine Hemmungen, ihnen mitleidig zu assistieren. Sie erweitern ihren Herrschaftsbereich über die Schwätzerwissenschaften (talking sciences) und geben ihnen den Gnadenstoß:

„Was unser Gehirn tut und unterlässt, wann es in Aktion tritt oder reagiert und auf welche Weise, wie es eine Situation, eine Entwicklung, einen Zustand bewertet – all das macht die Persönlichkeit aus. Menschen sind in dieser Hinsicht überaus ...

Weiterlesen...
 

Sofort, Hier und Jetzt XXIX

Tagesmail - Montag, den 22. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXIX,

im Finale des Geschlechterkampfes um die Weltherrschaft stehen Milliarden Vulven bereit, um Milliarden Schlappschwänze in die Flucht zu schlagen. Eine Vulva hat Lippen, Schamlippen, hinter denen die Männer grausame Zähne vermuten, die sie zermalmen und – wegen Ungenießbarkeit – ausspucken werden.

Der einen Utopie ist der anderen Dystopie, um die Begriffe Himmel und Hölle dezent zu vermeiden. Das wird nichts mehr mit einem geschlechterübergreifenden Snoezelen am Ende der Geschichte – das ohnehin abgesagt wurde.

Snoezelen? „Das Wort kommt aus den Niederlanden, eine Mischung aus dösen und kuscheln. Ein weißer Raum mit sanft wechselndem Licht. Entspannte Musik und Kuschelkissen.“

Mittelalterliche Kleriker, hervorragende Experten der Vulva, verglichen die weibliche Lustpforte mit dem “gähnenden Schlund der Hölle“, weshalb sie den technischen Fortschritt erfanden, der das Weibliche aus der Evolution verbannen wird. Dabei kannten sie die Vulva noch gar nicht. Evolutionsforscher fanden sie erst vor kurzem auf wagemutigen Expeditionen: geschickt versteckt hinter schambehaarten Scheiden-Eingängen. In Simone de Beauvoirs Feministenkatechismus „Das andere Geschlecht“ suchst Du das Wort vergeblich.

Scheide? „Schmale, längliche, der Form der jeweiligen Klinge angepasste Hülse aus festem Material, in die eine Hieb- oder Stichwaffe bis zum Knauf hineingesteckt wird.“

„Drei Dinge sind unersättlich: die Wüste, das Grab und die Scheide der Frau“, predigen heilige Männer. Mund und Vulva werden von Männern gleichgestellt, weshalb die verführerischen Lippen der Frau bedeckt werden müssen.

Solche Bedeckungen sind natürlich rückständig. Moderne Frauen brauchen keine Burkas, um ihren unwiderstehlichen Liebreiz gierigen Männerblicken zu ...

Weiterlesen...
 

Sofort, Hier und Jetzt XXVIII

Tagesmail - Freitag, den 19. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXVIII,

Sprache ist das Gedächtnis der Erfahrung. Regelmäßig stürzt die gottgewordene Moderne den babylonischen Turm, das Archiv ihrer Erfahrung, um ihre Sprache zu löschen und eine neue zu erfinden. Sie will tabula rasa herstellen, um von ihrer Biografie nicht befleckt zu werden.

Die von allen Erfahrungen gereinigte Tafel entspricht dem Orwell‘schen Wahrheitsministerium, das den Menschen von den Sünden der Vergangenheit befreit und in den Zustand der Unschuld zurückversetzt, um mit totalitären Wahrheiten neu beschriftet zu werden.

Wer die Macht besitzt, die Urschrift der Erfahrung mit neuer Schrift zu überdecken, muss nicht mehr zur ordinären Lüge greifen, um Unwahrheiten in die Welt zu setzen.

Das Ministerium der Wahrheit entspricht dem zürnenden Gott, der den babylonischen Turm zerstörte, indem er die Sprache der Menschen verwirrte.

„Dieses Ministerium befasst sich mit der Vergangenheit beziehungsweise mit deren ständiger Manipulation. Sämtliche Bücher, Filme, Schriften, Zeitungen, Tonaufnahmen etc. aus vergangener Zeit werden hier ständig revidiert und an die aktuelle Linie der Partei angepasst, sodass laut allen Aufzeichnungen, die existieren, die Partei immer recht hat und immer recht gehabt hat. „Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten – dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit. Wer die Macht über die Geschichte hat, hat auch Macht über Gegenwart und Zukunft.“

Trump versucht es noch auf die altmodische Art: er lügt, dass jeder es merken kann, der es merken will. Die modernen Beherrscher der Sprache und des Fortschritts machen es geschickter. Unauffällig verändern sie die Sprache, ersetzen klare ...

Weiterlesen...
 

Sofort, Hier und Jetzt XXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 17. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXVII,

„Wenn die liberalen Demokratien es nicht schaffen, die Menschenwürde wieder umfassend zu begreifen, verdammen sie sich selbst – und die Welt – zu einem ständigen Konflikt.“

Ein gewaltiger Satz Fukuyamas, der die Würde jedes Menschen einfordert, um den Zerfall der Demokratien zu stoppen. Das Leben der Gattung in Würde: das wäre eine Utopie. Warum sagt niemand, dass Fukuyama ein utopistischer Denker ist?

Wer utopistische Forderungen stellt, ist zugleich ein Moralist. Wer die Würde des Menschen antastet, kann weder demokratisch noch moralisch sein. Moral ist die Verteidigung der Unantastbarkeit der Menschenwürde. (SPIEGEL.de)

In fast allen Ländern dieser Erde beginnt die Menschenwürde zu zerfallen. Vor allem in den einstigen Hochburgen der Demokratie im Westen. Wenn schon der Westen seine Werte im Stich lässt, verrät er, dass er sie für wertlos hält – denken jene nichtwestlichen Länder, die jahrhundertelang vom Westen zur Übernahme dieser Werte genötigt, gezwungen und erpresst worden sind: Dann können auch wir sie endgültig ad acta legen.

„Wer vor der Erosion der liberalen Demokratie warnen will, kann nicht nach dem Motto handeln: "Solange ein neues Auschwitz nicht in Sicht ist, haben wir den Prozess schon unter Kontrolle." Vielmehr muss man den Blick auf die Kumulation all dessen lenken, was Besorgnis erregt, auf Tabubrüche etwa oder die Deutungshoheit von Radikalen bei gesellschaftlichen Debatten. Die Beschäftigung mit der Frage, ob Juden einem neuen Antisemitismus ausgesetzt sind, reicht nicht aus. Denn die Erosion der Verbindlichkeit der Menschenrechte zeigt sich auch gegenüber anderen Minderheiten. Die Umfrageergebnisse beweisen, dass in der "Mitte der Gesellschaft" etwas zu rutschen begonnen hat. Als Israelis konnten wir über die Jahre eine ähnliche Dynamik beobachten. Die Ideologie der radikalen Siedler hat sich langsam, aber sicher in den hegemonialen Mainstream verwandelt. Derzeit droht die relevante Gefahr von rechts – egal ob in Polen, Frankreich, den USA, Israel oder Deutschland.“

Die Warnung vor der „rutschenden Mitte der Gesellschaft“ kommt aus ...

Weiterlesen...
 

Sofort, Hier und Jetzt XXVI

Tagesmail - Montag, den 15. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXVI,

die Menschheit wächst zusammen – in steigender Empörung. Weltweit kocht es. Empörung weiß, dass es so nicht weitergehen kann, nicht weitergehen darf. Noch weiß sie nicht, wie es weiter gehen soll.

Die Diskrepanz zwischen dürfen und sollen ist gefährlich, sie kann in einer allgemeinen Tragödie enden.

Dennoch ist die schmerzlich gefühlte Kluft zwischen Sein und Sollen unerlässlich und überlebensnotwendig: nur wer weiß, dass es so nicht weiter gehen kann, ist fähig, Auswege aus der Gefahr zu suchen.

Wo Gefahr ist, ist das Rettende noch nicht. Von selbst wird es sich nicht einstellen. Doch der Leidensdruck der Kreatur drängt zur Einsicht. Mitteninne zwischen universellem Gefühl des Scheiternkönnens und universeller Erkenntnis des Rettenden: da stehen wir, diese Kluft müssen wir überbrücken.

Kosmopolitische Ethik war nicht erfolglos. Sie hat es zum weltweiten Gefühl des Ungenügens gebracht, zur Empfindung des Mangels, der unausbleiblichen Kehrseite des Fortschritts. Dem Leiden ist unbekannt, wie es überwunden werden kann – und will dennoch überwunden werden. Das Gefühl des Leidens ist dabei, die Menschheit miteinander zu verbinden.

Die Mächtigen haben sich zur Internationalen des Erfolgs zusammengeschlossen und tun, als konkurrierten sie miteinander.

Die Abgehängten haben es zur internationalen Solidarität noch nicht geschafft. Erfolg verbindet, Misserfolg trennt – bis jetzt.

Doch allmählich beginnt das Gesetz, sich zu verändern. Wenn jeder Mensch weiß, ...

Weiterlesen...
 

Sofort, Hier und Jetzt XXV

Tagesmail - Freitag, den 12. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXV,

"Nur unter Bauern bin ich völlig natürlich, das heißt, wirklich Mensch. Die Stärke liegt im arbeitenden Volk. Wenn es sein Joch trägt, dann nur, weil es hypnotisiert ist. Und nur darauf kommt es eben an – diese Hypnose zu zerstören. Man behauptet, daß es schwer und sogar unmöglich sei, ohne Regierung zu leben; aber ihr, russische Arbeiter, besonders ihr Bauern, wißt, daß wenn ihr ein friedliches, arbeitsvolles Landleben in eueren Dörfern führt, in brüderlicher Arbeit den Boden bebauend und euere gemeinsamen Angelegenheiten in der Dorfgemeinschaft [1] entscheidend, ihr gar keine Regierung braucht. Die Regierung braucht euch, aber ihr, russische Bauern, braucht die Regierung nicht. Und darum, in diesen schweren Zeiten, wo es gleicherweise schlecht ist, sich dieser oder jener Regierung anzuschließen, ist für euch das einzig vernünftige und nützliche: keiner Regierung zu gehorchen.“

Tolstoi war Narodnik – Populist. Das Volk wurde von ihm heilig erklärt, die führenden Klassen für ehr- und sittenlos. Heute würde man ihn als Populisten ächten.

„Populisten sind schwer zu besiegen“, beginnt die Justizministerin, „weil sie die Basic Instincts ansprechen: Wut, Angst, Hass.“   (Justizministerin Barley)

Populismus: „eine von Opportunismus geprägte, volksnahe, oft demagogische Politik , die das Ziel hat, durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen (...) zu gewinnen“. Das Erfolgsrezept von Populisten scheint auf einer kurzen Formel zu basieren: Einfache Antworten auf schwierige Fragen geben.“ (Duden)

Bei Perikles war Demagoge – oder Volksführer – noch ein Ehrentitel. Je mehr es mit der Demokratie abwärts ging, je mehr wurden aus Volksführern Volksverführer.

Im Zeitalter des Absolutismus wurde Demagogie zur Feindin der von Gott eingesetzten Obrigkeit, der man blind zu gehorchen hatte. „Demagogia laufe auf ...

Weiterlesen...
 

Sofort, Hier und Jetzt XXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 10. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXIV,

„Der Weltklimarat fordert ein beispielloses Handeln, um die Klimaziele noch zu erreichen. Was droht im Fall eines Misserfolgs? Die Selbstverpflichtungen, die sich die Staaten auferlegt haben, würden bis 2100 wohl zu einer Erwärmung um drei Grad führen. Bei zwei Grad Erwärmung müssten der Nahe Osten und Nordafrika mit bis zu 46 Grad Celsius an den heißesten Tagen rechnen. Auch in Europa läge die Zahl der Hitzetoten jährlich wohl um etwa 20 Prozent höher. Zudem sind viele Tier- und Pflanzenarten durch den Klimawandel bedroht.“ (Sueddeutsche.de)

„Wir haben einfach die falschen Angestellten: Einen Wirtschaftsminister, der nicht mal mitten im Aufschwung die Industrie auf einen nachhaltigen Kurs einschwört; eine Landwirtschaftsministerin, die nicht grundsätzlich in Brüssel an den Agrarsubventionen rütteln will; einen Verkehrsminister, dem das überholte Geschäftsmodell der Autokonzerne wichtiger ist als die Atemluft der Bürger. Wir beschäftigen einen Heimatminister, den Agrarwüsten und Gewerbegebiete nicht stören, die die Heimat verschandeln; Einen Finanzminister, der nicht damit rechnet, dass verpasster Klimaschutz sehr teuer wird. Wir haben eine Umweltministerin, die zu schwach ist, um sich gegen diese geballte Ignoranz zu wehren. Und wir haben eine Kanzlerin, die mit anderem beschäftigt ist als mit der Zukunft des Landes – fasst Bernhard Pötter in der TAZ zusammen. (TAZ.de)

Wenn es um Sein oder Nichtsein geht – erlaubt Deutschland seiner mächtigsten Frau, sang- und klanglos unterzutauchen, sich unsichtbar zu machen, vor der Nation und Europa keine Stellung zu beziehen.

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und ...

Weiterlesen...
 
<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Weiter > Ende >>

Seite 7 von 186