Philosophische Tagesmails

Umwälzung LXXXIX

Tagesmail - Freitag, den 20. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXIX,

„Unter denjenigen, die die Autorin Mariam Lau lautstark in die rechte Ecke zu schieben versuchten, befand sich natürlich ein Gutteil der Kernleserschaft der „Zeit“: mehr oder minder wohlhabende Bürger, die linksliberal empfinden, überzeugt sind, auf der guten Seite zu stehen, die auf Andersmeinende gerne herabblicken und jeden Zweifel am abgeschliffenen linksliberalen Konsens schnell als ungehörig definieren."

Schrieb ein Angehöriger der WELT-Redaktion aus der saturierten Bourgeoisie, überzeugt, nicht auf der guten, sondern der besseren Seite zu stehen, gern auf Andersmeinende herabblickend und jeden Zweifel am moralfeindlichen deutschen Erbe als hochnäsig verurteilend. (WELT.de)

„Not kennt kein Gebot – so einfach ist das für sie. Aber so einfach ist es nicht. Das Ertrinken im Mittelmeer ist ein Problem aus der Hölle, ein politisches Problem, zu dessen Lösung die private Seenotrettung null und nichts beizutragen hat. Denn Politik besteht eben nicht darin, das vermeintlich Gute einfach mal zu machen, sondern darin, die Dinge im Zusammenhang zu betrachten und auch die Nebenwirkungen gut gemeinten Handelns. Die Retter sind längst Teil des Geschäftsmodells der Schlepper. Wer in Not ist, muss gerettet werden, das schreibt das Recht vor und die Humanität. Beide schreiben allerdings nicht vor, dass Private übernehmen, was die Aufgabe von Staaten sein sollte. Leider wirken die Aktivisten aber auch an der Vergiftung des politischen Klimas in Europa mit. In ihren Augen gibt es nur Retter und Abschotter; sie kennen kein moralisches Zwischenreich. In diesem Denken gibt es keinen Unterschied zwischen Angela Merkel und Viktor Orbán. Stellen wir uns für zwei Minuten vor, wo Europa jetzt stünde, wenn man dem Drängen der Menschenrechtsorganisationen nach Legalisation aller Wanderungsbewegungen, ob Flucht oder Armutsmigration, nachgegeben hätte. Nach einem Europa ohne ...

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Umwälzung LXXXVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 18. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXVIII,

„Ich bin für niemanden,“ sagte der mächtigste Mann der Welt, der mächtigste Herrscher über abendländische Werte – sofern Amerika noch zum Abendland gehört. Was, bitte, sind abendländische Werte? Lügen, Beleidigen, Demütigen?

„Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muß sie als Einheit sehen.“

Sprach in jovialem schwäbischem Ton der erste Bundespräsident der Nachkriegsrepublik. Wirkungen? Ja. Einheit? Absurd! Auf dieser Absurdität beruht die Einheit des Abendlandes, die ein Scharmützel der Gegensätze ist.

Max Weber hat dieses Scharmützel nicht bei Namen nennen können – aber an ihm gelitten:

„Es handelt sich nämlich zwischen den Werten letztlich überall und immer wieder nicht nur um Alternativen, sondern um unüberbrückbar tödlichen Kampf, so wie zwischen »Gott« und »Teufel«. Zwischen diesen gibt es keine Relativierungen und Kompromisse. Wohlgemerkt: dem Sinn nach nicht. Denn es gibt sie, wie jedermann im Leben erfährt, der Tatsache und folglich dem äußeren Schein nach, und zwar auf Schritt und Tritt. In fast jeder einzelnen wichtigen Stellungnahme realer Menschen kreuzen und verschlingen sich ja die Wertsphären. Das Verflachende des »Alltags« in diesem eigentlichsten Sinn des Wortes besteht ja gerade darin: daß der in ihm dahinlebende Mensch sich dieser teils psychologisch, teils pragmatisch bedingten Vermengung todfeindlicher Werte nicht bewußt wird und vor allem: auch gar nicht bewußt werden will, daß er sich vielmehr der Wahl zwischen »Gott« und »Teufel« und der eigenen letzten Entscheidung darüber: welcher der kollidierenden Werte von dem Einen und welcher von dem Andern regiert werde, entzieht.“ (Max Weber, Der Sinn der „Wertfreiheit“ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften)

Golgatha steht für Entwertung und Vernichtung der Welt, für Verheißung einer ...

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Umwälzung LXXXVII

Tagesmail - Montag, den 16. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXVII,

Europa ist Amerikas Feind geworden – sagt der mächtigste Amerikaner. Die Sonne brachte es an den Tag – und ein Moneymaker aus New York, der den Kern der modernen Gesellschaft offenlegte: Demokratie ist Geldmachen und Machtanhäufen im Kampf des Individuums gegen alle Individuen, der einzelnen Nation gegen alle Nationen.

Im Kampf gibt es wechselnde Verbündete, aber keine Freunde. Der westliche Block war ein Kampfbündnis gleicher Interessen gegen östliche Feinde, keine Gemeinschaft universeller Menschenrechte.

Aus östlichen Feinden wurden potentielle Geschäftspartner, aus westlichen Freunden Trittbrettfahrer, die die Freundschaft hinterlistig zum eigenen Vorteil ausnutzten. Wer solche europäischen Freunde hat wie Trump, braucht keine Feinde mehr. Da ist es vorteilhafter, mit ehemaligen Feinden zu kungeln, als sich von sogenannten Freunden über den Tisch ziehen zu lassen.

Wer seinen Vorteil sucht, sucht ihn besser in der ganzen Welt als immer nur in denselben abgegrasten Heuchelbezirken. Freundschaftsbekundungen sind hinderlich im Ausnutzen individueller Vorteile. Trau, schau wem, muss die Devise eines globalisierten Interessenegoismus sein. Alle gegen alle, jeder gegen jeden: das ist die Fanfare der beginnenden Trump-Epoche.

Die Nachkriegszeit begann mit phänomenalen Versprechungen, um die ...

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Umwälzung LXXXVI

Tagesmail - Freitag, den 13. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXVI,

die Epoche des Guten ist vorbei. Nichts Schlimmeres als das Gute: so tönt es im weiten Rund der Gutenhasser. Moral, der Glaube an das Gute, bringe uns ins Grab.

Müssten Gutenhasser aber nicht noch besser sein als die Guten, wenn sie deren Tun für ungut hielten? Wäre Böses das Gegenteil des Guten, müssten die Bösen die wahren Guten oder die Allerbesten sein. Im Namen des Besten hassen sie das Gute, das für sie das wahre oder entlarvte Böse wäre.

Wenn das bisherige Gute in den Verdacht kommt, das Gegenteil seiner selbst zu sein, wenn das bisherige Böse das bisherige Gute vom Thron stößt: wie nennen wir diesen Vorgang? Einen Epochenwandel.

Eine traditionelle Epoche geht zu Ende, eine neue beginnt. Alles muss auf den Tisch, alles muss neu verhandelt werden. Das kann gefährlich werden, denn bisherige Gemeinsamkeiten der Völker gehen verloren, es kündigen sich neue an, die aber die alten noch nicht ersetzen können.

Zwischen dem Alten, das verloren geht – und dem Neuen, das unsicher und noch nicht vorhanden ist, liegt das Nichts. Nichts heißt Nihil. Den Vorgang der Dekadenz ohne Wiederaufstieg in neue Verbindlichkeiten nannte das 19. Jahrhundert Nihilismus. Wenn die Epoche des traditionellen Guten sich verabschiedet und die gemeinsamen Werte schwinden, steht der Nihilismus vor der Tür.

„Was ist Nihilismus? Dass die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel, es fehlt die Antwort auf das «Warum».“ „Dass es keine Wahrheit giebt; dass es keine ...

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Umwälzung LXXXV

Tagesmail - Mittwoch, den 11. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXV,

„Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte, Amerika der Anfang. Dort ersteigt die innere Sonne des Selbstbewusstseins, die einen höheren Glanz verbreitet, nämlich den Glanz des absolut freien und darum auch kritischen Geistes.“

Hegels Satz ist überwältigend – aber gefälscht. Nicht Amerika ersteigt die innere Sonne des Selbstbewusstseins, sondern Asien. Zeitgenossen, die die Nase in den Wind halten, wenden sich ab von Europa und Amerika. Sie wenden sich ab vom Okzident und halten Ausschau nach dem Orient.

(Wenn der Amerikaner Fukuyama vom Ende der Geschichte schreibt, werden deutsche Augenblicksbeobachter zornig. Wenn der deutsche Hegel vom Ende der Weltgeschichte schreibt, nehmen sie es nicht zur Kenntnis – oder sie preisen es als tiefsinnige Erkenntnis. Tiefsinnige Erkenntnisse werden hierzulande im Museum eingesperrt.)

Die deutsche Sehnsucht nach Hellas währte nicht mal eine Epoche lang. Es war keine Sehnsucht nach einem selbstbewussten Volk, das frei über sich bestimmt. Es war Sehnsucht nach adligen homerischen Helden, denen das tumbe Volk zu gehorchen hat. Die schönen Helden verwandelten sich später in platonische Weise, die dem Volk in der Höhle den Dienst taten, es in Ketten zu halten. Sie taten es ungern, aber sie mussten. Ihre Weisheit verpflichtete sie, einen gerechten Staat zu errichten und das Volk zu seinem Glück zu zwingen.

Das Christentum machte aus Weisheit Erleuchtung, aus Zwangsbeglückung Erlösungszwang, aus staatlicher Gerechtigkeit zufällige Nächstenliebe, die an ...

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Umwälzung LXXXIV

Tagesmail - Montag, den 09. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXIV,

Szene 1: Hallo, Grenze!

Wer da? Wohin des Wegs?

Lass mich passieren. Ich muss hinüber.

Ausweis! Biometrische Gesichtskontrolle! Fingerabdrücke!

Ich bin ein Geldschein und für den Freihandel unterwegs. Wer Wohlstand will, muss mich ziehen lassen, wohin ich will.

Pardon, Sir! Betrachten Sie uns als nicht vorhanden. Wir wünschen gute Geschäfte. Kehren Sie mit Zins und Zinseszins zurück. Von Ihrem Erfolg hängt auch unser Gehalt ab.

Szene 2: Hallo Grenze!

Wer da? Wohin des Wegs?

Ich bin ein Mensch und komme aus einem fernen Land, in dem niemand mehr leben kann.

Ausweis! Biometrische Gesichtskontrolle! Fingerabdrücke!

Sei menschlich. Ich fliehe vor Unterdrückung, Not und Tod. Öffne deine Schranken.

Ach so: Asyltouristen, Wohlstandsflüchtlinge! Zurück nach Österreich. Oder ihr kommt in unsere residenzpflichtigen Zentren.

Es gibt Asyltouristen. Es sind jene Millionenheere deutscher Touristen, die die Welt überfluten, mit Flugzeug- und Autoabgasen die Luft verpesten, dass das Klima der ...

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Umwälzung LXXXIII

Tagesmail - Freitag, den 06. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXIII,

Die Wissenschaft hat festgestellt,
Daß Marmelade Fett enthält.
Drum essen wir auf jeder Reise,
Marmelade eimerweise.

Die deutsche Bundeskanzlerin wird an der Macht bleiben, solange es ihr gefällt. Propheten im Dienste des Staates – oder die Vierte Gewalt – haben in die Zukunft geschaut und den Deutschen eine ewige Kanzlerin prophezeit. In jeder Krise erleben die Deutschen, dass Angela unersetzbar ist. Die Wissenschaft hat diesen Eindruck untermauert und festgestellt, dass Merkels Durchwursteln ein unübertrefflicher Führungsstil ist:

Frey: Der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon hat gezeigt: Das muddling through, also das Durchwurschteln, ist oftmals die einzige Lösung. In Organisationen geht es häufig nicht darum, das Resultat zu maximieren oder zu optimieren, sondern darum, Entscheidungen zu treffen, die alle einigermaßen zufrieden machen. Es geht darum, eine Hürde zu überspringen, ohne zu wissen, wie man die nächste schaffen soll. Merkel versucht beharrlich, Konflikte zu minimieren. Dabei ist ihr Stil stets an Werten orientiert – sowohl Sicherheit als auch Humanität spielen in ihrer Politik eine große Rolle. Und sie sucht nach ganzheitlichen Lösungen, in der sie die verschiedenen europäischen und nationalen Interessen möglichst unter einen Hut bringen will. Für derartig komplexe Probleme gibt es keine einfachen Lösungen, auch wenn Horst Seehofer sich das wünscht. Es kann in einer solchen Situation nicht um ein Entweder-oder gehen, wir brauchen ein Sowohl-als-auch. Und das sieht Merkel sehr klar. Überspitzt gesagt: Sie steht über den Dingen, weil sie die Komplexität kennt. Von außen scheint das manchmal so, als treffe sie keine klaren Entscheidungen.“ (ZEIT.de)

Es scheint nur so, als treffe Merkel keine klaren Entscheidungen. In Wirklichkeit steht sie über den Dingen. Wir unterstellen, dass der EXPERTE kein verdeckter ...

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Umwälzung LXXXII

Tagesmail - Mittwoch, den 04. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXII,

„Wie lange hält der Burgfrieden“?

In ungebrochener Schlüssellochgucker-Tradition stellt Sandra Maischberger ihre Gossip-Show (Gossip = „Geschwätz, Klatsch, Plauderei“) heute Abend unter ein prophetisches Thema. Was wird aus…? Wie lange hält…? Hat … eine Zukunft?

Medien wollen in die Zukunft schauen. Nein, sie wollen als erste in die Zukunft schauen, als erste wissen, was auf die Menschheit zukommt. Wer zuerst weiß, was die Zukunft bringt, wird als erster die Zukunft dominieren, nein, schon die Gegenwart beherrschen.

Ist das kein Widerspruch zur Geschichtsuntertänigkeit der Gegenwart? Nein. Wer zuerst weiß, was auf „uns zukommt“, kann als erster den richtigen Bückling machen. Es ist kein Wettlauf in Selbstgestaltung des Schicksals, sondern um die listigste Übung in Devotheit, die effizienteste Art einer prophylaktischen Rückgratverkrümmung.

Wer zuerst die Befehle und Gesetze der Zukunft kennt, kann schon jetzt die richtigen Weichen stellen, um seine auf Folgsamkeit gedrillten Gefühle – nein, Gefühle sind abgeschafft, sondern sein limbisches System – auf Vordermann zu bringen. Es geht um die wichtigste Tugend der Gegenwart, die in der Öffentlichkeit so gut wie nie angesprochen wird. Es geht um: präemptive Anpassungsgeschmeidigkeit.

Wer kann sich frühzeitig auf die Erfordernisse des unvermeidlich auf uns Zukommenden einstellen? Nicht, um der Geschichte zu widerstehen, sondern um Sieger zu werden in Geschichts-Observanz.

Den Begriff Anpassung finden wir in Wiki, er gehört zu den Zentralbegriffen der ...

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