Philosophische Tagesmails

Von vorne XIII

Tagesmail - Freitag, den 17. Mai 2019

Von vorne XIII,

„Ich wage die Vorhersage, dass die Diskussion über den Klimaschutz in drei Jahren ganz anders geführt wird, falls 400 000 Leute aus der Automobilindustrie entlassen werden müssen." (FDP-Lindner)

Wenn die Niederlande verschwunden sind, Hamburg unter Wasser steht, die Böden ausgetrocknet sind, Hitzewellen die Kontinente in Bruthöllen verwandelt haben, schreckliche Kriege um die letzten erträglichen Territorien entbrannt sind, die Menschheit nicht mehr ernährt werden kann – dann wird die Diskussion über den Klimaschutz noch ganz anders geführt werden: denn sie wird gar nicht mehr geführt werden. Das Undenkbare wird zum a-t-e-m-b-e-r-a-u-b-e-n-d-e-n Ereignis geworden sein.

Wie intelligent ist eine Menschheit, die sehenden Auges die Apokalypse herstellt, die sie noch immer als Gruselmärchen beiseiteschiebt?

In jedem Überlebenstest (den es vorsichtshalber nicht gibt) würden die Deutschen – inzwischen zur Derriere-garde der europäischen Klimaschützer abgesunken – die Prädikate debil bis imbezil erhalten. Gängige IQ-Tests messen vor allem mathematische Fähigkeiten, nicht weil Mathematik die logische Verlässlichkeit und Schönheit der Natur spiegelte, sondern weil sie den Kern jener Wissenschaften bildet, mit denen die Natur effektiv stranguliert werden kann. Mathematik ist seit 500 Jahren zur entscheidenden Herrschaftswissenschaft geworden.

Über dem Eingang zur platonischen Philosophenschule soll der Satz gestanden haben:

Kein Zutritt für die der Geometrie Unkundigen.“

Dennoch war es nicht Platon, der dem Abendland die Mathematik als Killerin der Natur überlieferte.

„Wo Mathematiker, wie Eudoxos oder Archytas, die Anwendung der Geometrie im Raum der Mechanik begründeten und geometrische Fragen durch ...

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Von vorne XII

Tagesmail - Mittwoch, den 15. Mai 2019

Von vorne XII,

zwei Gespenster gehen um in der Welt, die in Wirklichkeit nur ein einziges sind. Das eine nennt sich Kapitalismus, das andere Sozialismus. Vordergründig liegen sie im Kampf, hinter den Kulissen sind sie sich einig in der Verachtung des Menschen, den sie für eine Marionette der Geschichte halten.

Geschichte ist für beide die innige Verbindung einer Heilsgeschichte für Wenige mit einer Unheilsgeschichte für Viele. Heil und Unheil zusammen nennen sie Fortschritt, der einer winzigen Minderheit Reichtum und Macht, der riesigen Mehrheit Abhängigkeit, Ohnmacht und Elend einbringt.

Über die Belange der Menschheit hat die Mehrheit nicht mitzureden. Sie ist Gesetzen der Geschichte untertan, die von der Minderheit erfunden und als Elemente grenzenloser Machtanhäufung dargestellt werden. Unbegrenzte Macht über Natur und Mensch, von Menschen kreiert, wird von den Nutznießern der Allmachtsphantasien als unabänderliche Naturgesetze vorgestellt, die das Herz der Geschichte sein sollen.

Geschichte wird nicht von Menschen bestimmt, sondern von Kräften, die den Menschen himmelweit überragen. Indem sie über die Geschicke des Menschen bestimmen, als ob sie Gesetzen der Natur gehorchten, gelingt es ihnen, Macht über die Erde auszuüben, ohne für irgendetwas verantwortlich zu sein.

Gott nennen die Frommen ihre Zuversicht und Macht, die sie in Deutschland als irdische Ohnmacht, in Amerika als Vorschein jenseitiger Allmacht darstellen. Nichtfromme reden von Evolution oder materialistischem Klassenkampf. Gott, Evolution oder Klassenkampf: allen geht es um Heilsgeschichte.

Heilsgeschichte wurde von Völkern erfunden, die ihr Schicksal auf Erden unerträglich fanden, aber keine Möglichkeiten sahen, sich von ihrem Los zu befreien. Eines fernen Tages werden sie in einem imaginären Reich zu Herren der Gesamtgeschichte ...

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Von vorne XI

Tagesmail - Montag, den 13. Mai 2019

Von vorne XI,

was wäre, wenn Amerika sich aus der NATO zurückzöge? Dann schlüge die Stunde der Kanzlerin:

Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen", hatte die Kanzlerin vor zwei Jahren in einem bayerischen Bierzelt gefordert und damit eine Diskussion angestoßen, die seitdem nicht verstummt ist. "Strategische Autonomie" ist das neue Schlagwort der Europapolitik, die EU hat es zum offiziellen Ziel ihrer Verteidigungspolitik erklärt.“ (SPIEGEL.de)

Globale Wirtschaft, „Freihandel“ genannt, kennt keine Autonomie. Da muss jeder von jedem abhängig sein, die Großen selbstverständlich auf Kosten der Kleinen, doch irgendwie klingt alles gleichberechtigt und fair.

Globale Feindschaft, die endlich für klare Verhältnisse sorgt und den altmodischen Frieden hinter sich lässt, kennt keine Autonomie. Entweder schützt der Große Bruder, doch wenn der keine Lust mehr hat, muss man sich selber schützen. Das kostet. Brexit-England und Frankreich müssen die entstehende Atomlücke mit eigenen Beständen ausgleichen. Deutschland sackt ab, inzwischen auch wirtschaftlich.

Worüber man alternativlos nachdenkt, gar Planspiele anstellt: das will man selbsterfüllend herstellen. Planspiele über eine Weltfriedensordnung sind spurlos verschwunden. Planspiele über Kriege tun, als seien sie neutral und apolitisch:

„Uns geht es nicht um Visionen", sagt der IISS-Militärexperte Bastian Giegerich, "uns geht es um Fakten."

Militärexperten und Medien müssten sich prächtig verstehen, denn beiden geht es nicht um Meinungen und Willensbekundungen, sondern um unbefleckte Fakten.

„Es fehlt an U-Booten, Flugzeugträgern, an Flugzeugen zur U-Boot-Bekämpfung. Um dieses Defizit zu beseitigen, müssten die Europäer nach den Berechnungen des IISS zwischen 94 Milliarden und 110 Milliarden Dollar investieren. Die Kosten für ...

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Von vorne X

Tagesmail - Freitag, den 10. Mai 2019

Von vorne X,

Angela Dorothea (das „engelgleiche Gottesgeschenk“) zu Mecklenburg-Templin, bekannt als Kanzlerin von Deutschland. Nehmen wir mal spaßeshalber an, sie wäre die Wiedergängerin der Luise Herzogin zu Mecklenburg–Strelitz, bekannt als Königin Luise von Preußen.

Dann wäre sie keine gewöhnliche Kanzlerin, sondern Königin der deutschen Herzen. Mit ihrem Volk ist sie inzwischen so verwachsen, dass sie immer weniger sagen muss – und wird doch von ihren Untertanen verstanden und geliebt, als sei sie eine von Gott eingesetzte Regentin. Was sie ihrem Glauben nach auch ist: seid untertan der Obrigkeit, denn es gibt keine, die nicht von Gott wäre.

Das Beste, was man über sie sagen kann, hat Perikles über die athenischen Frauen gesagt: die beste Frau sei die, über die man schweigt. Paulus geht noch einen Schritt weiter: wer nichts sagt, kann nichts Falsches sagen. Ergo: die Frau schweige in der Gemeinde.

Was Nichtreden bedeutet, zeigt ihr Pressesprecher, der besser Presseschweiger hieße:

«Wir begrüßen das, weil es immer gut ist, wenn man sich fragt, wo und wie man noch mehr tun kann.» Nur Macrons Brief unterschreiben, das will Berlin dann doch nicht.“ (TAZ.de)

Mit schlichten Worten nichts sagen, das ist die Kunst der Gottgesandten.

Novalis, glühender Verehrer Luises, enthüllte das Sprechen, das die gemeine Menge nicht verstehen soll:

„Es käme auf einen Versuch an, ob man nicht in der gewöhnlichen Landessprache so sprechen könnte, dass es nur der verstehen könnte, der es verstehen sollte. Jedes wahre Geheimnis muss die Profanen von selbst ausschließen. Wer es versteht ...

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Von vorne IX

Tagesmail - Mittwoch, den 08. Mai 2019

Von vorne IX,

würde die Menschheit ihre seit unendlichen Zeiten erlittenen Demütigungen und Schmerzen in einen einzigen geballten Schrei verwandeln, wäre das Leben der Gattung gefährdet. Das Universum würde beben vom Widerhall des Unerträglichen. Es wäre grauenvoller als die Klage des Frommen, als er entdeckte, dass kein Gott sei. Der Lärm wäre so unermesslich, dass er umschlüge ins stumme Nichts des Weltalls:

Da kreischten die Mißtöne heftiger – die zitternden Tempelmauern rückten auseinander – und der Tempel und die Kinder sanken unter – und die ganze Erde und die Sonne sanken nach – und das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei. „Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!« Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? – Zufall, weißt du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorübergehest? – Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir – O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, daß ich an ihr ruhe? – Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?...“ (Jean Paul, Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei)

Menschen wollen ihre eigenen Schöpfer sein und sind dabei, sich in ihre Würgeengel zu verwandeln. Wer glaubt, die Welt erschaffen zu haben, hält sich für berechtigt, die Welt hinter sich zu liquidieren.

Erlöser bringen das Schreien der gepeinigten Welt durch ihr göttliches Wort zum Verstummen. Der Jubel der Erlösten soll das Schreien der gequälten Natur für ...

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Von vorne VIII

Tagesmail - Montag, den 06. Mai 2019

Von vorne VIII,

doch, Frau Baerbock, wir brauchen philosophische Proseminare. Die Zeit drängt? Eben deshalb.

Ein Schlachtfeld, eine Wüstenei der Begriffe. Die Deutschen schlagen aufeinander ein, als wären sie von Sinnen. Das Gute daran: der Kampfgeist erwacht. Das Verheerende: niemand sagt, wovon er redet.

Noch herrscht autistischer Individualismus: jeder schurigelt die Sprache, als sei sie ein persönliches Eigentum. Solange Sprache nicht kommunistisch, das Eigentum aller, ist, sprechen wir von Postmoderne. Da der Streit um die Wahrheit jetzt beginnt und das Privatistische sich dem Getümmel der Agora stellt, ist das Ende der Postmoderne abzusehen.

Vertreter des Neoliberalismus verwechseln autistischen Individualismus mit dem demokratischen. Unter Autisten sind Porschefahrer signifikant hoch vertreten. Individualismus ist für sie die Umkehrung des völkischen Prinzips: das Volk ist alles, du bist nichts. Ergo: du bist alles, das Volk ist nichts.

Da das Völkische in der jüngsten Geschichte unmenschlich wütete, ist die Reaktionsdefinition verständlich – aber falsch. Das Volk der Völkischen war nicht der demos der Demokratie.

Das Gegenteil des Missbrauchten ist nicht das Wahre. Sprache ist unschuldig, von Menschheitsverbrechern darf sie nicht ewig geschändet bleiben. Die Sprache muss von den Spuren der Unmenschen befreit werden.

Warum wird der Begriff Volksherrschaft gemieden wie die Pest? Weil Volk und völkisch voneinander abhängen. Fürsprecher des Volkes werden unterschiedslos als Populisten diffamiert.

Wer es wagt, die Dinge des Volkes anzusprechen, zu deuten, zu vertreten, wird als gefährlicher Populist bekämpft. Dabei wäre es die Pflicht jedes Demokraten, nicht nur seine eigenen Interessen zu verfolgen, sondern die Vorstellungen des ganzen ...

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Von vorne VII

Tagesmail - Freitag, den 03. Mai 2019

Von vorne VII,

„Schatz, das brauchen wir auch: ein irrsinniges Anwesen etwas südlich vom Starnberger See kurz vor den Alpen mit etwa 4000 Quadratmetern Wohnfläche, erweiterbar auf bis zu etwa 24.000 Quadratmeter, Helikopter-Landeplatz, 360-Grad-Natur- und Alpen-Panorama – einer der schönsten Plätze Bayerns.“

Nein, Schatz doch nicht, ich habe mir sagen lassen, in der Umgebung wohnen Deutsche. Im Winter soll es sogar schneien. Grässlich.

„Da habe ich mir den Polizisten geben lassen und gesagt: Sie, der Mann steht auf der Forbes-Liste und ist einer der reichsten Menschen dieser Erde. Der ist sicherlich alles, aber kein Medikamentenschmuggler. Dann haben sie ihn nach ein paar Stunden weiterfahren lassen mit seinem Pagani-Supersportwagen.“ (SPIEGEL.de)

„Ja, stehen denn Kollektiv-Billionäre über den Gesetzen?“: fragte der SPIEGEL-Interviewer nicht. Zu Billionärs-Gesellschaften gehört eine neutrale Presse. Merkt‘s euch, ihr Kreativen, wenn ihr mal wieder die Schöpfung neu erfindet.

„Wir wollen eine Meinungsseite haben, die verschiedenste Ansichten präsentiert, und unsere Leser sind es gewohnt, dass ihr Standpunkt herausgefordert wird.“ Sagt wer? Der Chef der New York Times. (ZEIT.de)

Für deutsche Verhältnisse wäre es ein Fortschritt, wenn es grundlegend konträre Kommentare gäbe. In vielen Zeitungen gibt’s zu den wichtigsten Themen überhaupt keinen Kommentar mehr. Alles alternativlos, vom Starnberger See bis zum Leben auf Pump der Natur. Was war das für ein Gezeter, als die Kanzlerin vor Jahren versehentlich ausplauderte, wie es in Deutschland zuzugehen hat: keine Alternative zu ihrem gottgesegneten Tun!

Dennoch: auch wenn es gelegentlich diametrale Meinungen der Lohnschreiber gibt, ersetzt das noch lange nicht die Meinung der Chefetagen. Hinter ihren ...

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Von vorne VI,

Tagesmail - Montag, den 29. April 2019

Von vorne VI,

nach vorne bringen. Jeder Politiker will sein Land voran bringen. Wo liegt voran? Voran liegt nicht auf der Erde. Es ist ein Chamäleonwort, ein in allen Farben schillerndes Suizidalwort. Vorne ist der Beginn vom Ende. Vorne ist alles, was Hier und Jetzt vernichtet.

Vorne ist zurzeit: die atemberaubende Militarisierung der Welt.

„Die weltweiten Militärausgaben stiegen im vergangenen Jahr um 2,6 Prozent auf schätzungsweise rund 1,82 Billionen Dollar (umgerechnet etwa 1,64 Billionen Euro) und damit zum zweiten Mal in Folge.“ (SPIEGEL.de)

Bei Sozialkosten kommt die stereotype Frage: wer soll das erwirtschaften? Bei Militärkosten wird nicht gefragt. Schwachsinn und Idiotie – die Realwörter für Fortschritt und Militarismus – erwirtschaften sich von selbst.

Zur Militarisierung gehört die Mechanisierung der Gesellschaft oder ihre Digitalisierung, Roboterisierung. Die gesamte Nation ein smart home, das von Mächtigen mit leichtem Druck der Finger dirigiert werden kann.

Wenn soziale Kontakte überflüssig oder unmöglich werden, droht partielle Erleichterung umzuschlagen in ein despotisches Regiment über Monaden.

Monaden? Sind Menschen als „isolierte Substanzen, die vom Schöpfer, der göttlichen Monade, aufeinander abgestimmt sind.“ Woraus sich eine „prästabilierte Harmonie“ ergibt, auf Deutsch: eine vorprogrammierte Gesellschaftsmaschine. An die Stelle Gottes tritt eine totalitäre Macht oder eine durchprogrammierte völkische Einheit. Monaden auf der Straße erkennt man am abwesenden Blick nach unten und an der Verkabelung der Ohren, ihrer zuverlässigen Reiz- und Reaktionsverbindung zur Obrigkeit.

Estland klingt in vieler Hinsicht verlockend, doch direkt hinter Estland liegt – auf der neuen Weltkarte des Fortschritts – China. Wäre die neue Seidenstraße ein ...

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