Philosophische Tagesmails

Von vorne XXI

Tagesmail - Mittwoch, den 05. Juni 2019

Von vorne XXI,

woran erkennt man politische Genies? Sie häuten sich täglich und schaffen es, ihre Fehler und Versäumnisse darzustellen, als seien sie von andern. Sie allein seien fähig, die Scherbenhaufen ihrer Vorgänger und Rivalen wegzuräumen.

Von ihren Altlasten distanzieren sie sich, weil sie die Kunst der Selbst-Exkulpierung beherrschen. Den Satz des Evangelisten, alle Lasten werfet auf Ihn, variieren sie zur Politmaxime: alle Schuld werfet auf eure Konkurrenten, schaut nicht zurück – und gehet frisch ans Werk, als wärt ihr neugeboren.

Neu geboren heißt: der alte Adam ist ersäuft. Das christliche Abendland kennt keine Schuld. Nicht, dass es Schreckliches nicht getan hätte – die Kunst der Selbstvergebung durch tägliche Neugeburt aber verwandelt die Schuld in Belanglosigkeiten einer abgetanen Vergangenheit.

Kreuzzüge, Hexenprozesse, Inquisition? Wissen wir doch alles: Schnee von gestern. Listigerweise sorgten sie vor, dass Geschichte sich nicht wiederhole, weshalb sie glaubten, rücksichtslos ins Offene stürmen zu dürfen. Bestehe doch keine Gefahr, dass die Sünden sich wiederholen könnten.

Erinnern, wiederholen, durcharbeiten: damit das Dunkle und Unbewältigte sich nicht wiederhole? Haben sie nicht nötig. Alles haben sie bewältigt durch den täglichen Akt der Wiedergeburt. Aus demselben Grund existieren für sie keine Widersprüche.

Vor Monaten sprachen Sie ganz anders als heute, Frau Merkel, wie erklären Sie Ihren Widerspruch?

Solche Widersprüche sind doch an den Haaren herbeigezogen. Ich erfinde mich täglich neu und schaue nicht zurück. Wissen Sie nicht, wie es Lots Frau erging? Bin ich denn mit Lot verheiratet?

Gelächter auf der Bundespressekonferenz. Alle Kommentatoren schrieben: Wie ...

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Von vorne XX

Tagesmail - Montag, den 03. Juni 2019

Von vorne XX,

O Freunde, nicht diese Töne!
sondern lasst uns angenehmere anstimmen,
und freudenvollere.
Freude!

Also reden wir vom Weltuntergang. Nur Freunde des Lebens können über ihn reden. Wer von Untergangsängsten gepeinigt wird, klammert sich an die dürftigste Illusion – über die er lachen würde, wenn er sich seines Lebens freuen könnte. Gibt es doch nur eine Chance auf Weiterleben: wenn wir uns freuen würden, dass wir diese Chance haben. Wer das Leben als Strafe ansieht und den Tod als Eingang in ewige Pein, will Schluss machen mit allem.

Fast alle Völker kennen den Weltuntergang. Auch diejenigen, die unverändert im Schoß der Natur leben – und dennoch keine Pessimisten sind. Sie glauben an das Leben. Ihr Weltuntergang ist Welterneuerung.

Naturreligionen sind nicht blind. Sie sehen die Gefährdungen des Lebens, die Lasten, die sich anhäufen, die Verfehlungen des Menschen an der Natur, die seiner Hybris entspringen und korrigiert werden müssen. Auf menschliche Überheblichkeit folgt Nemesis, die Macht der Vergeltung. Hybris ist kein Stolz auf eigenes Können, sondern „mutwillige Gewalt, Gier und Lüsternheit, Frevel und Vergewaltigung, kurz: Unrecht an Mensch und Natur.“

Götter der Vergeltung sind keine irrationalen Rachegötter, sondern stellen das Gleichgewicht wieder her, ohne das eine Symbiose zwischen Mensch und Natur unmöglich wäre.

Das ist der Sinn ursprünglicher Moral, die dem Menschen nicht von Oben aufoktroyiert werden muss. Moral ist die Summe der Erfahrungen des Menschen, keine willkürlichen Setzungen, um ihn zu überfordern und als Missgriff der Natur ...

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Von vorne XIX

Tagesmail - Freitag, den 31. Mai 2019

Von vorne XIX,

„wenn wir ins Offene gehen und Neuanfänge wagen, dann ist alles möglich.“ (ZEIT.de)

Amerika ist sich untreu geworden. Laßt uns ins Offene gehen: nach Deutschland. Deutschland ist das bessere Amerika. Kinder erziehen ihre Eltern. In bleierner Zeit wollen die Befreier Deutschlands von ihren deutschen Zöglingen an die Hand genommen werden. Jetzt sollen die Erzogenen beweisen, dass sie ihre Lektion gelernt haben und sich in Wort und Tat bedanken können. Aeneas nimmt Anchises, seinen blinden und gelähmten Vater, auf die Schultern, um dem brennenden Troja zu entkommen.

„Komm! ins Offene, Freund!

Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.

Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
Was wir wollen, und scheint schiklich und freudig zugleich
.

Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei

(Hölderlin, Der Gang aufs Land)

Das Offene ist hier der Gang aufs Land, das schickliche und freudige Leben bei Mahl, Tanz und Gesang. Der Leser des Gedichts soll „offen sein für eine Wiederkehr der Harmonie von Natur und Menschenwelt“. Er soll kosten und schauen nicht das Mächtige, sondern die Fülle des Landes.

Bei IHR - ist das Offene das Gegenteil:

„Reißen Sie die Mauern von Ignoranz und Engstirnigkeit ein, denn nichts muss so ...

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Von vorne XVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 29. Mai 2019

Von vorne XVIII,

das Geheimnis ist gelüftet. Merkel selbst war es, die den innersten Beweggrund ihres politischen Werdegangs entlarvte:

„Immer wieder begegnet man neuen, faszinierenden Menschen. Und das ist für mich der wichtigste Kraftquell für Politik.“ (BILD.de)

Als mächtige Politikerin kommt man – trotz defekten Fluggeräts – herum in der Welt. Bei knapp 8 Milliarden Menschen auf dem Planeten wird es doch EINPROZENT interessante Gattungsexemplare geben. Wer unter Politik eine aktive Gestaltung menschlicher Verhältnisse verstand, wird ab jetzt eines Besseren belehrt. Es geht um passives Begeistert-werden.

Faszination ist „die Ausübung eines mächtigen oder unwiderstehlichen Einflusses auf die Neigungen des Gemütszustand oder der Leidenschaft“. (Wiki)

Besonders zu empfehlen für eher leidenschaftslose Wesen, denen man eine psychische Anämie zu bescheinigen pflegt.

Niemand komme jetzt auf die falsche Fährte.

„Ich hätte mich sicherlich nicht zu diesem Interview bereit erklärt, wenn ich nicht Lust hätte, noch ein bisschen etwas politisch zu sagen.

Untersuchungen renommierter Kommunikationswissenschaftler haben ergeben, dass in Merkels Vokabular eine unscheinbare Floskel übersignifikant vorkommt: „ein bisschen“.

Framingexperten haben die Floskel als Versuch gedeutet, die exponierte Stellung der Sprecherin durch ostentative Bescheidenheit zu kompensieren. Merkel hatte ...

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Von vorne XVII

Tagesmail - Montag, den 27. Mai 2019

Von vorne XVII,

„Es genügt, wenn eine schlechte Regierung abgewählt werden kann. Das ist Demokratie.“ (Popper)

In Deutschland kann man eine schlechte Regierung nicht einfach abwählen. Da sie zumeist aus zwei oder mehreren Parteien besteht, käme der Rücktritt einer GROKO einer Staatskrise gleich.

Auf Stabilität der Obrigkeit wird in Luthers Land viel Wert gelegt. Da es – seit ein SPD-Vordenker Opposition als Mist bezeichnete – auch keine scharfe Opposition mehr gibt, wäre ein Auswechseln der Regierung sinnlos. Die neue Obrigkeit würde die alte Politik nur nahtlos fortsetzen.

Durch endlose, nicht nur praktische, sondern ideelle Kompromisse kompromittiert und nivelliert, sind die Parteien nicht nur wie ein gedankliches Wurzelwerk miteinander verflochten. Das gemeinsame Nervensystem garantiert auch in hohem Maße das Überleben jeder Gruppierung, die es zur anerkannten Partei gebracht hat. Da die großen Parteien, nehmt Alles in Allem, ungefähr die gleiche Politik verfolgen, sind die Machterfahrenen gewöhnlich im Vorteil, das Psychogramm einer Nation in Praxis zu übersetzen.

Jede Demokratie besteht aus zwei unsichtbaren Revieren: dem theoretischen der Auseinandersetzung in kompromisslosen Alternativen – und dem praktischen notwendiger Kompromisse, um das Menschenmögliche an Verbesserung der Gesellschaft zu erreichen.

Wahrheitssuche ist kompromisslose Gedankenarbeit jedes Einzelnen; demokratische Politik der Versuch, gedankliche Radikalität in praktische Verträglichkeit umzuwandeln, die, nach einer gewissen Erprobungszeit, erneut im Licht radikaler Wahrheitssuche beurteilt werden muss.

Nicht so im Land neogermanischer Baumbewunderer. Hier werden Gedanken nicht auf philosophische Wahrheit, sondern bereits im theoretischen Stadium auf ...

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Von vorne XVI

Tagesmail - Freitag, den 24. Mai 2019

Von vorne XVI,

„die Geschichte wird Merkel Recht geben“, sprach ihr Bewunderer Jean-Claude Juncker, und beschrieb sie als „liebenswertes Gesamtkunstwerk“.

Demnach genügt es, dass die Geschichte den Politikern Recht geben wird. Die Zustimmung der Völker scheint nicht mehr gefragt. Offensichtlich glaubt Juncker an eine Historiokratie, die Herrschaft des Volkes muss er ad acta gelegt haben.

Welcher Geschichte? Einer Geschichte, die ihren Abgang in Unwürde machen wird? Wenn Merkels Lob von entsetzlichen Stürmen über menschenleeren Kontinenten und versengenden Gluthitzen über Wüstengebieten erzählt wird?

Hat Juncker je den Begriff Klimakatastrophe gehört, hält er ihn für die Erfindung wissenschaftlicher Alarmisten?

Schön, dass christliche Politiker einander lieben. Doch was ist ein Gesamtkunstwerk?

„Die Idee des Gesamtkunstwerks entsteht in der Zeit der Romantik. Der Philosoph Friedrich Schelling betonte etwa die „nothwendige Gottwerdung des Menschen“ (Bruno oder über das göttliche und natürliche Princip der Dinge, 1802). Dieses gesteigerte Selbstbewusstsein erlaubte es, das Schaffen des Künstlers dem Schaffen der Natur gleichzusetzen.“ (Wiki)

Ein Gesamtkunstwerk vollbringt die Gottwerdung des Menschen, das Schaffen des Künstlers wird identisch mit dem Schaffen der Natur. Wem kommt das nicht bekannt vor?

Das gottähnliche Gesamtkunstwerk ist Vorläufer des gottebenbildlichen Quantencomputers, der, identisch mit der Natur, alle Probleme der Menschheit in Blitzesschnelle lösen wird.

Ein Gesamtkunstwerk ist Richard Wagners dramatische Oper, die die verkommene ...

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Von vorne XV

Tagesmail - Mittwoch, den 22. Mai 2019

Von vorne XV,

alte Erlöser haben weder Gestalt noch Schöne, moderne sind „selbstironische Enddreißiger mit skeptischem Blick und Turnschuhen“ – oder „oft ganz in Schwarz gekleidet und mit silbern glänzenden Turnschuhen und wirken eher wie Künstler.“ (SPIEGEL)

Seit Joschka Fischer sind Turnschuhe heilsnotwendig. Erlöser sehen nicht aus, wie Toren es sich vorstellen. Gott in Menschengestalt muss unauffällig daherkommen. Seine strahlende Gestalt würde den Menschen verraten, dass er kein gewöhnlicher Sterblicher sein kann. Die Sterblichen müssten nicht wider Augenschein glauben, sondern könnten ihren Sinnen trauen – und die Herrlichkeit des Herrn sehen.

Glauben wäre überflüssig, eine Selektion der Erwählten unmöglich. Alle Menschen würden selig; niemand käme ins höllische Feuer; Heils- und Unheilsgeschichte wären unmöglich; unerträgliche Langeweile herrschte auf dem Erdenrund.

Womit das Problem des Doketismus gelöst wäre: war Jesus nur zum Schein (dokein, scheinen) ein Mensch? Nein, wenn Mensch gottebenbildlich sein kann, kann Gott menschenebenbildlich sein. Die Menschwerdung, pardon, die Mannwerdung Gottes ist die Gottwerdung des Mannes. Den göttlichen Mann muss man erkennen, obgleich er lässig unter seinem Niveau daherkommt.

Bei den Griechen fielen Schein und Sein zusammen, sonst hätten sie die Schönheit nicht in Stein hauen können. Wenn das Wahre das Schöne ist, identisch mit dem Guten, können Äußeres und Inneres nicht auseinanderfallen. Sokrates musste wieder einmal aus dem Rahmen fallen. Wie konnte der übermütige Schalk und Menschenverführer derart hässlich sein, dass man ihn mit einem dämonischen Silenen verwechseln konnte?

Einer seiner Bewunderer durchschaute ihn. Alkibiades musste in Gleichnissen reden, womit er dem christlichen Messias den Wink gab, sich ebenfalls in Gleichnissen zu äußern. Freilich, der Heide sprach in Gleichnissen, um der „Wahrheit zu dienen.“ Jesus sprach in Gleichnissen, „damit sie mit sehenden Augen nicht sehen und mit ...

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Von vorne XIV

Tagesmail - Montag, den 20. Mai 2019

Von vorne XIV,

die Menschheit im Rückwärtsgang. Und wir dachten, wir wären schon weiter? Wie kann der Mensch auf ein früheres Stadium zurückfallen?

Fortschrittswahn ist linear und lässt keinen Rückschritt zu. Wer nicht mitkommt oder zurückweicht, kommt unter die Räder.

Technischer Fortschritt lässt sich messen. Einen humanen Fortschritt darf es heute nicht geben, denn er würde vergleichbare Lernwege voraussetzen. Das aber wäre Uniformierung des unvergleichlichen Ichs. Bemerkungen über Reife oder Unreife wären unangebracht, wenn Entwicklungen anhand objektiver Kriterien nicht beurteilt werden können.

Solange Schule herrscht, dominiert Test- und Prüfungszwang. Da wird alles miteinander verglichen und zensiert, nur das Wesentliche nicht: demokratische Reife. Der Nachwuchs soll auch nicht demokratisch sein, er soll vergleichbar fungibel und industrie-kompatibel gemacht werden. Hier herrscht keine Angst vor Uniformität. Mit Kindern und Abhängigen kann man‘s ja machen.

Was ist demokratische Reife?

Die Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen,
selbstbestimmt über ein lebenswertes Leben nachzudenken,
und mit dem faktischen Zustand der Welt zu konfrontieren,
die eigene Sicht der Dinge mit anderen zu vergleichen
und um die beste Wahrheit zu kämpfen,
den Mut aufzubringen, unter wachsamer Selbstprüfung das Faktische dem für richtig Gehaltenen anzunähern
und, ausgestattet mit diesen Fähigkeiten, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Leben und das der Menschheit.

Verantwortung übernehmen heißt, nach getaner Tat erleichtert und ...

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