Philosophische Tagesmails

Von vorne I

Tagesmail - Mittwoch, den 17. April 2019

Von vorne I,

brennt eure Gotteshäuser, Kathedralen und Dome nieder und eure Probleme werden sich in Rauch und Wohlgefallen auflösen.

Nach seiner demütigenden Pilgerreise durchs niedere Volk wird der französische Präsident auferstehen zum neugeborenen Helden der Nation. Er wird das prächtige Ungetüm in Rekordzeit wieder aufbauen und der geretteten Dornenkrone des Herrn einen unvergänglichen Anbetungsplatz zurückgeben.

Notre Dame ist nicht nur ein Symbol Frankreichs, das sich auf seine katholische Tradition besinnt und alles Revolutionäre und Gottlose hinter sich lässt – die Kathedrale ist zum Wahrzeichen des ganzen christlichen Abendlandes geworden, wie die deutsche Kollegin Emmanuel Macrons ergriffen erklärte.

Der Brand wird die Gelbwesten von der Straße fegen, die jugendlichen Demonstranten für das Überleben der Gattung in den Schatten stellen, die Heimkehr ins christliche Mittelalter befördern, den religiösen Stolz des Westens aufrichten, die zerstrittenen europäischen Nationen wieder zusammenführen und selbst die Milliardäre rehabilitieren.

Wie glänzend sie auf den Dächern von Paris stehen und auf die Welt hinabschauen: die Schönen, Schlanken, Leistungsfähigen – und Guten. Und sollte der ungläubige Rest der Welt dreister und aggressiver werden, wird selbst die deutsche Armee ihre Schlagkraft von einst zurückgewinnen und die westliche Verteidigungsgemeinschaft unüberwindlich machen.

„Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Welttheil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs. – Wie heiter konnte jedermann sein irdisches Tagewerk vollbringen, da ihm durch diese heiligen Menschen eine sichere Zukunft bereitet, und jeder Fehltritt durch sie vergeben, jede missfarbige Stelle des Lebens durch sie ausgelöscht und geklärt wurde. Sie waren die erfahrnen Steuerleute auf dem ...

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Sofort, Hier und Jetzt C

Tagesmail - Mittwoch, den 10. April 2019

Sofort, Hier und Jetzt C,

sofern natürliche Intelligenz sich demnächst – wegen mangelnder Intelligenz – nicht selbst ausrottet, wird die Zukunft von KI bestimmt werden. Denn der Mensch ist dabei, seine Zukunft der Maschine zu übergeben.

Künstliche Intelligenz entspringt der Fähigkeit des Menschen, seine natürliche Intelligenz einem vollständig intelligenzfreien Ding einzupflanzen. Einem toten Kasten, einem stumpfen Lehmbrocken, einem metallenen Behälter, einer hölzernen Maschine.

Lehrer, die sich für überragend intelligent halten, würden hinzufügen: einer strohdummen Klasse von Flegeln. Ein allwissender Gott würde sagen: einem Erdenkloß, der sich einbildet, Mir gleich zu sein – Mir!

„Da bildete Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Ackerboden und hauchte ihm Lebensodem in die Nase: so ward der Mensch ein lebendes Wesen.“

Menschen zeugen intelligente Menschen, indem sie der Natur vertrauen, vernunftbegabte Wesen zu schaffen, die sich erkennend und lernend mit der Welt vertraut machen.

Wenn ein Gott auf Ackererde angewiesen ist, kann er kein creator ex nihilo sein. Er ist nur ein platonischer Demiurg, der eine gigantische Knetmasse (eine außergöttliche Substanz oder ein „Chaos“) benötigt, mit der er seine Wunschwelt formen kann. Da eine solche Knetung auf Natur angewiesen ist, bedeutet das die Abhängigkeit des Über-Mannes von minderwertiger mütterlicher Materie.

Der biblische Schöpfer beginnt seine Karriere in Abhängigkeit von etwas, was er nicht selbst erschaffen hat. Seine totale Unvergleichlichkeit muss er sich nachträglich (a posteriori) zulegen.

„Die einzige Stelle der Bibel, die explizit von einer „Schöpfung aus dem Nichts“ spricht, findet sich in 2. Makkabäer (7,28); dort heißt es: „Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt, und erkenne: Gott hat ...

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Sofort, Hier und Jetzt IC

Tagesmail - Montag, den 08. April 2019

Sofort, Hier und Jetzt IC,

Ludwig XV. hatte im Siebenjährigen Krieg das Angebot einer Erfindung abgelehnt, mit der er die englische Flotte hätte vernichten können, da er erkannte, dass sich die Waffe auch gegen andere Völker, auch gegen sein eigenes Land, richten konnte. Er wollte die Schrecken des Krieges nicht vermehren.

Präsident Roosevelt sah das potentielle Verhängnis der Atombombe, dennoch ordnete er den Bau der „schrecklichen Vernichtungswaffe“ an. Niemals erwog er die Möglichkeit, diese Waffe nicht einzusetzen und folgte allein dem Ziel, „als erster eine Atomwaffe zu produzieren und von ihr Gebrauch zu machen.“ (zit. nach Friedrich Wagner, Die Wissenschaft und die gefährdete Welt)

Was ist der Unterschied zwischen dem französischen Kaiser und dem amerikanischen Präsidenten? Fortschrittsglaube, Fortschrittsoptimismus, Fortschrittswahn, Fortschrittsfatalismus?

Seit Beginn der Moderne ist Fortschritt zum Dogma geworden. Es soll vorangehen, es soll sich alles verändern. War denn alles unerträglich geworden? Gab es keine Konservativen, die etwas bewahren wollten? Kann es denn konservative Parteien geben, wenn alles über den Haufen geworfen wird?

Die Konservativen der Gegenwart sind radikale Fortschrittler. Angela Merkel treibt, nach einigen Startproblemen, die Digitalisierung voran, als bereite sie dem Herrn den Weg. Nur ihre Bildungsministerin dozierte, der neue Mobilfunkstandard 5G sei nicht an jeder Milchkanne notwendig. Nachdem die Milchkannen protestierten, nahm die ungebildete Ministerin Vernunft an – vorausgesetzt, Vernunft und Fortschritt seien identisch. Wären sie nicht identisch, müsste Vernunft gegen Fortschritt agitieren. Da niemand agitiert, kann das nur bedeuten: die Deutschen haben keine Vernunft – oder Vernunft und Fortschritt befinden sich in unauflöslicher Ehe.

Was gibt’s zu bewahren, wenn das Alte zertrümmert werden muss? Den Glauben. Der Glaube soll bleiben, wie er ist – natürlich dem veränderten Zeitgeist ...

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Sofort, Hier und Jetzt XCVIII

Tagesmail - Freitag, den 05. April 2019

Sofort, Hier und Jetzt XCVIII,

immer noch diese Freitagsdemonstrationen gegen Klimaerwärmung? Ebbt die Zahl der TeilnehmerInnen noch immer nicht ab, damit wegen demokratischem Übereifer besorgte Medien Entwarnung geben können?

Zeit, dass etwas geschieht. Wenn der BGH schon nicht mit Eilanordnungen den Respekt vor dem Staat schützt, müssen Gymnasialobertanen den Zusammenbruch des Abendlandes verhindern: Alle Tests und Prüfungen auf den Freitag legen! Wer abwesend ist, wird mit ungenügend bestraft! Die Teilnahme am deutschen Abitur wird in Frage gestellt. Einen Nachtwächterstaat können wir uns nur in Sachen Wirtschaft erlauben. Landgraf, bleibe hart.

Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, eine verminderte Schulpflicht zu rechtfertigen: Durch Übermoralismus behinderte Kinder, die mit ihrem Rettungsgequatsche allen auf den Sack gehen, könnten vom Unterricht befreit werden. Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass die Schuleskapisten mit der flinken Zunge unter einem uralten Psychosyndrom leiden, das, wenn nicht Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, zum Schwarm-Flagellantismus ausarten könnte. Nicht nur könnte, die junge Generation ist bereits flächendeckend infiziert.

Es handelt sich um das Helfersyndrom. Bislang trat dieses Phänomen nur zwischen Einzelpersonen auf. Inzwischen soll die ganze Menschheit gerettet werden – ob sie will oder nicht. Internationale Neurologen drängen, die Paralyse des hinteren Gehirnlappens auf die Liste der gefährlichen Weltepidemien zu setzen.

Was ist ein Helfersyndrom? Hier eine schnelle Handreichung für jene, die ihre Zeit nicht mit Küchenpsychologie vergeuden können:

„Unter dem Begriff ‚Helfersyndrom‘ versteht man die Neigung einer Person, sich in zwischenmenschlichen Begegnungen überwiegend als Helfer anzubieten. Dabei hängt der Helfende wegen seines eigenen Bedürfnisses nach Bestätigung, Sozialkontakt oder gesellschaftlicher Anerkennung so sehr von Dank, Zuwendung oder Bestätigung durch den Hilfeempfänger oder die Gesellschaft ab, dass er seine Hilfsbereitschaft ...

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Sofort, Hier und Jetzt XCVII

Tagesmail - Mittwoch, den 03. April 2019

Sofort, Hier und Jetzt XCVII,

Angela Merkel übt zivilen Ungehorsam gegen Trump: sie verspricht die Erhöhung des Militäretats – und hält ihr Versprechen nicht.

Das ist löblich. Die besten Armeen sind jene, deren Waffen und Geräte verrotten. Durch pazifistische Verwahrlosung hofft Merkel, doch noch den Friedensnobelpreis zu erhalten – und Greta Thunberg vor der Nase wegzuschnappen.

Angela Merkel übt listige Obrigkeit und lobt die Freitagsdemonstranten: gut, dass ihr uns einheizt. Über lästige Schulpflicht zu reden, überlässt sie nachgeordneten Behörden.

Schulpflicht und ziviler Ungehorsam sind in Deutschland föderale Angelegenheiten. Das Gewissen ist fest in Händen des Kultus. Kultus ist „Verehrung einer Gottheit durch religiöse, rituelle Handlungen“ – Kultusminister sind demnach Angestellte Gottes.

Gewissen haben Abgeordnete nur, wenn sie sich vom Volke wählen lassen, nicht aber daran denken, seine Aufträge auszuführen.

Wenn Abgeordnete ihrem Gewissen folgen, üben sie zivilen Ungehorsam gegen das Volk, (pardon für die Herabstufung); sie zelebrieren spirituellen Ungehorsam gegen den Pöbel. Der Pöbel – das „Volk“ – hat kein spirituelles Gewissen, es kann nur heidnischen Einflüsterungen des Ungehorsams gegen die Obrigkeit folgen.

Normale Deutsche praktizieren keinen zivilen Ungehorsam. Sie sind stolz darauf, ein spirituelles Volk zu sein – das sich erkühnt, seinen Priestern durch die Hintertür zu entkommen. Jährlich verlassen X-Tausende die Kirche, ohne einen Mucks über ihre Beweggründe verlauten zu lassen. Gleichzeitig halten sie sich für spiritueller als die Kultusdiener der Kirchen. Diesen Popenklamauk, nein, den brauchen sie nicht, um ...

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Sofort, Hier und Jetzt XCVI

Tagesmail - Montag, den 01. April 2019

Sofort, Hier und Jetzt XCVI,

Estragon: Komm, wir demonstrieren gegen den Untergang!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf den Untergang!
Estragon: Ah!

Die Deutschen spielen ihr Lieblingsspiel: Wir sind dann mal weg.

Sie wollen geräuschlos, diszipliniert und erhobenen Hauptes untergehen – unter Wahrung der Schulpflicht und der grenzenlosen Freiheit, sich ihren Abgang von keinem Verbot vermiesen zu lassen.

Die Gegner der infantilen Alarmisten – ausnahmslos versteinerte Männer und mächtige Pastorentöchter – beharren auf dem Recht der Titanic, unter lieblichen Klängen der Bordkapelle im eiskalten Wasser zu verschwinden.

Wem Revolution verboten ist, weil er den Rasen des Kanzleramts nicht betreten darf, dem ist auch Widerstand gegen das Klippenspringen der Lemminge verboten.

Eine Nation, die Sterbehilfe verbietet, ist vernarrt in das Risiko, durch kollektive Sterbehilfe den Abgang zu machen.

Abtreiben von Ungeborenen ist verboten, Abtreiben von Geborenen aber ein Geschenk Gottes, das niemand ablehnen darf.

Angehörige der Erlöserreligionen finden es ungeheuer, das vorausgesagte Jüngste Gericht abzulehnen. Wer den Untergang verschmäht, wird sich den Aufstieg ins Himmelreich verscherzen.

Bedroht eine fremde Macht die eigene Nation mit Auslöschen, wird sie mit Bundeswehr und NATO zurückbedroht. Wer aber die ganze Welt ausradiert, wird in ...

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Sofort, Hier und Jetzt XCV

Tagesmail - Freitag, den 29. März 2019

Sofort, Hier und Jetzt XCV,

die Lern- und Erkenntnisbewegung der Jugend wird zum Kinderkreuzzug, zur Erweckungsbewegung – bei Stefan Aust, Herausgeber der WELT, der vermutlich auf Anordnung des Springerchefs Döpfner bei Maybritt Illner antreten musste, um den bemitleidenswerten TV-Auftritt Ulf Poschardts auszubügeln.

Die strahlende Intelligenz, das aufbrechende Verantwortungsbewusstsein einer Generation wurde von Aust in religiösen Gehorsam und militanten Wahn verfälscht. Kann der Ex-Spiegel-Chef nicht unterscheiden zwischen Vernunft und Glauben?

Nein. Deutsche kennen nicht den Unterschied zwischen Gebrauch des eigenen Kopfes und blinder Übernahme höherer Botschaften. Sie glauben mit Vernunft, vernünfteln mit Glauben: eine der elementarsten Schwächen der einstigen Denker und Dichter und heutigen Besieger der Vernunft mit Hilfe klerikaler Dogmen.

Wir nähern uns dem Zentrum des geistigen Vakuums der Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Konversion zur Demokratie nicht verknüpfen konnten mit ihrer jahrhundertealten protestantisch-theokratischen Tradition, die, von der Epoche der Aufklärung nur kurz unterbrochen, ab Hegel wieder zurückkehrte zum moralfreien, allmächtigen Gott jenseits von Gut und Böse.

Sie hätten die Unverträglichkeit wahrnehmen müssen zwischen Luther und Erasmus, Glaubensgehorsam und griechischer Wiedergeburt der Renaissance, himmlischer Fernsteuerung und Selbstbestimmung, Hamann und Kant, Romantik und Aufklärung.

Der Theologe Johann Georg Hamann, ein Zeitgenosse Kants, war der Begründer der deutschen Gegenaufklärung, die das Denken der Deutschen in den folgenden ...

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Sofort, Hier und Jetzt XCIV

Tagesmail - Mittwoch, den 27. März 2019

Sofort, Hier und Jetzt XCIV,

„"Die Medien sollten jetzt in sich gehen", schrieb das "Wall Street Journal" in einem Leitartikel. "Es muss eine Abrechnung geben", forderte die Kolumnistin Mollie Hemingway im "Federalist". Aber auch Michael Tracey, ein Kommentator für die sonst eher Trump-kritische Tageszeitung "New York Daily News", sprach von "einem journalistischen Versagen von fast undenkbar monumentalen Ausmaßen".“ (SPIEGEL.de)

In Amerika erleidet der Journalismus eine Niederlage von „fast undenkbar monumentalen Ausmaßen“ – in Deutschland geht alles seinen gewohnten Gang. Still ruht der See. Keine Zeitung fühlt sich angesprochen, kein Edelschreiber kommentiert das amerikanische Urbeben. Niemand geht in Sack und Asche, keine Gazette erscheint mit Trauerrand. Atem anhalten und schweigen, bis sich die Einschläge wieder entfernen. Merkels Taktik ist die Taktik der Deutschen, weshalb sie nicht voneinander lassen können.

Liegt der Journalismus am Boden, verendet die Demokratie. „Verzockt“ – lautet die Überschrift eines SPIEGEL-Artikels: aber nicht über sich selbst, sondern über die amerikanische Opposition.

„"Ich hoffe das motiviert uns alle, lieber von Themen zu reden, die unser tägliches Leben betreffen", sagte Pete Buttigieg, einer der meistgehypten Demokraten-Kandidaten, im Sender MSNBC. Die Partei habe 2016 auch deshalb "ihren Weg verloren", weil sie zu viel von Trump geredet habe und zu wenig von den Wählern.“ (SPIEGEL.de)

Von Anfang an wurde Trump als Antichrist, als Destruktor der amerikanischen Demokratie beschrieben. Begriffe aus der Offenbarung des Johannes, abwechselnd mit Diagnosen der Psychopathologie, wurden verwendet, um den Sieger zu beschreiben, mit dem kaum jemand ...

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