Philosophische Tagesmails

Von vorne LXVI

Tagesmail - Mittwoch, den 25. September 2019

Von vorne LXVI,

Greta oder Angela: wer wird den Kurs der Menschheit prägen?

Greta:
„All das hier ist falsch. Ich sollte nicht hier stehen. Ich sollte zurück in der Schule sein, auf der anderen Seite des Ozeans. Trotzdem kommt Ihr alle zu mir, um zu hoffen? Menschen leiden. Menschen sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Beginn eines Massenaussterbens. Und alles, worüber Ihr reden könnt, ist Geld und Märchen von ewigem Wachstum. Wie könnt Ihr es wagen?“ (Freitag.de)

Angela:
Wir alle haben den Weckruf der Jugend gehört. Es gibt keinen Zweifel, dass der Klimawandel, die Erderwärmung im Wesentlichen von Menschen gemacht ist. Es gibt diejenigen, die aktiv sind und demonstrieren und uns Druck machen. Aber es gibt auch die Zweifler.“ Aufgabe jeder Regierung sei es, „alle Menschen mitzunehmen. Ich messe Innovation und Technologie eine sehr große Bedeutung bei. Das ist ein Widerspruch zu dem, was ich da gestern gehört habe.“ (SPIEGEL.de)

Angela ist Weltmeisterin in der Disziplin: Demut = Macht. („Die sich demütigen, die erhöht er.“) Zuerst die Stimme der Demut, geschützt vom Wir, einem pluralis modestiae. Darauf die keine Namen nennende, jeden Affekt vermeidende, abschätzig klingen sollende Bemerkung: „was ich da gestern gehört habe“.

(Heimlich zu Seibert): Das hat man davon, wenn man andere ernst nimmt. Was ich mir so alles anhören muss, wenn der Tag lang ist. (Seibert heimlich retour): In Zeiten des Shitstorms will jeder eine Meinung haben.

Zuerst ein Bückling der vorbereitenden Distanz, danach tonloses ...

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Von vorne LXV

Tagesmail - Montag, den 23. September 2019

Von vorne LXV,

zum ersten Mal in der Geschichte öffnet sich der Blick auf eine globale Verständigung der Völker. Noch nie gab es eine weltweite Empörung von solchen Dimensionen wie der Aufstand der Weltjugend gegen die Zertrümmerung ihrer Zukunft durch jene, die sie am meisten zu lieben vorgeben: ihre Erzeuger, die sich seit Jahrhunderten von einem System betören lassen, das ihnen Wohlstand und endlose Macht versprach – und Tod und Verderben über sie bringen wird.

Angst und Schrecken vor dem Untergang der Welt hingegen beherrschen die Menschen schon seit langem. Die Menschheit entwickelte zwei Urmuster, um ihre Ängste zu beherrschen:

a) die zyklische Zeit

b) und die lineare Geschichte.

Beide Muster schließen sich gegenseitig aus und kämpfen seit Menschengedenken um die Vorherrschaft.

Die zyklische Zeit entspricht der ewigen Wiederholung des Gleichen, angelehnt an die beständige Wiederholung natürlicher Jahreszeiten.

In der linearen Geschichte soll sich nichts wiederholen, alles muss neu erfunden werden, alle Ereignisse müssen Einmaligkeiten Gottes sein, der sich der Natur überlegen fühlt, weil er sie als Schöpfer erschaffen haben will.

Der zyklische Mensch fühlt sich untrennbar verbunden mit dem Kosmos und seinen Zyklen, die ihn regelmäßig erneuern, wenn er sich an ihnen orientiert.

Der geschichtliche Mensch orientiert sich nicht an der Natur – die er für wertlos hält –, sondern an einmaligen Heilsereignissen seines Erlösergottes.

Zyklische Zeit der Natur kann sich ewig wiederholen. Ihre Mythen sind Vorbilder von Zeremonien, die periodisch die Ereignisse am Beginn der Zeiten lebendig werden ...

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Von vorne LXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 18. September 2019

Von vorne LXIV,

die Spannung wächst, der Freitag der Entscheidung rückt näher.

Die Gewaltigen des Westens zucken mit den Augenbrauen. Ihre innerlichen Spannungen delegieren sie an die Kanzlerin – die stellvertretend für alle bebt und zittert.

Steht ein Wechsel des weltweiten „aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzten Ganzen“ (= System der Moderne) bevor?

Wird die Menschheit es schaffen, aus ihrem „trägen, immobilen Beschleunigungsrausch“ (= Fortschritt) aufzuschrecken?

Verabschiedet sich die Menschheit von ihrer „blinden Todessehnsucht“
(= Erlösungsreligion)?

Übernimmt die Krone der Schöpfung die Regie über ihr Schicksal und löst sich von ihrer ferngesteuerten Heilsgeschichte (= Knechtschaft der Kreaturen)?

Besinnt sich homo sapiens auf seine Sapientia (= Weisheit)?

Wird homo rationalis rational (= vernünftig)?

Zerbricht homo oeconomicus seinen Frondienst unter dem Joch des Geldes
(= Kapitalismus) – und besinnt sich auf Gerechtigkeit?

Fordert das zoon politicon die Abstimmung aller Völker, nach welchen Vorstellungen sie selbst leben wollen (= Demokratie)?

Beendet der Freie und Gleiche das Diktat höherer Mächte und entscheidet selbstbestimmt über Erfüllung und Glück seines Lebens (= Autonomie)?

Verstehen Anbeter der Maschinen, dass sie selbst keine sind, sondern ...

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Von vorne LXIII

Tagesmail - Montag, den 16. September 2019

Von vorne LXIII,

es gibt Wörter, die man nur mit der Beißzange anfassen sollte. Zu ihnen gehört der Begriff „einpreisen“. Sind notwendige Klimareformen schon eingepreist? Was kostet die Einpreisung der Welt? Und wenn sie misslingt: kann Wallstreet den Verlust der Menschheit mit Erlösungsaktien abfedern?

„Mehr als 200 internationale Medien, von Afrika bis Nordeuropa, von den USA bis Indien und Japan, darunter auch DER SPIEGEL, haben sich mit der Initiative "Covering Climate Now" gemeinsam verpflichtet, in dieser Woche mit Wucht über dieses doch eigentlich journalistisch so undankbare Thema zu berichten. Jetzt ist es an der Zeit zu handeln. Schnell, konzertiert und global. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die ganze Menschheit einen gemeinsamen Feind. Einen trägen, furchtbaren Golem, den sie selbst geschaffen hat, ganz aus Versehen. Wir können ihn besiegen, gemeinsam. Wir müssen nur endlich anfangen zu kämpfen." (Schreibt Christian Stöcker in SPIEGEL.de.)

Die internationale Presse wacht auf und schließt ein Bündnis gegen die Gefahr. Auch durch den SPIEGEL geht ein Ruck. Andere führende Zeitungen aus Deutschland sind nicht zu finden. Hier die kleine Liste der Unterstützer:

„Auch klimafakten.de und sein Schwesterprojekt Clean Energy Wire (CLEW) werden sich an der Schwerpunktwoche beteiligen – neben dem Netzwerk Weitblick, dem gemeinnützigen Journalismus-Projekt KlimaSocial und der Wochenzeitung WOZ als weiteren Medien aus Deutschland und der Schweiz.“ (Klimafakten.de)

Einigen Superreichen gelang es, längst bekannte und belegte Klimafakten und Naturzerstörungen mit einem instrumentellen Skeptizismus so in irrlichternde Unwahrscheinlichkeiten zu zerstäuben, dass die Menschheit die glasklaren Erkenntnisse der ersten Ökobewegung zu verleugnen begann. Unter ihnen die Brüder Koch und die von ihnen finanzierten Think-Tanks und Institutionen unter ...

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Von vorne LXII

Tagesmail - Freitag, den 13. September 2019

Von vorne LXII,

wo aber bleibet die Wissenschaft? Wo verstecken sie sich, die faustischen Talarträger der reinen Erkenntnis? Die hohen Priester der Atome und Quanten, die titanischen Eroberer des Universums, die Urväter aller rattenscharfen Methoden, die Erde platt zu machen und der Natur die Seele herauszureißen?

Pardon, die Erfinder des segenreichsten Fortschritts, den die Geschichte je sah, die ingeniösen Entdecker des atemberaubendsten linearen Aufstiegs in die Elysien der Macht – kurz vor dem Absturz in den Abyssus?

Nun spielen sie die tragischen Propheten, die frühzeitig Alarm riefen, deren Unheilsrufe aber niemand hören wollte. Nun sind sie Opfer ihres vergeblichen Wissens, verzweifelt gestikulierende Seher des herannahenden Unheils.

Oh, sie sahen das Verhängnis, gingen aber nicht auf die Straße, setzten sich nicht vor das Parlament, um Manifeste zu verteilen, gingen nicht in die Schulen, um aufzuklären und zu warnen, blockierten nicht die Kongresse der Reichen und Mächtigen, um deren Betriebe stillzulegen, gründeten keine Agitationsgruppen, die warnend die Faust reckten. Sie streikten nicht und legten nicht den ganzen Wissenschaftsbetrieb lahm.

Sie ähneln jenem Gott, der sein Volk verwarnte, doch das Volk verschloss störrisch seine Ohren. Da ergrimmte der Herr und seine Stimme zitterte vor Erregung:

„Denn als ich rief, gabt ihr keine Antwort, und als ich redete, hörtet ihr nichts. Ihr tatet, was böse ist in meinen Augen, und was mir missfällt, das erwähltet ihr.“

Die Kühnen und Kalten wollten das Volk nicht ängstigen, die Trostbedürftigen nicht beunruhigen, ihren Glauben an die Zukunft nicht zerstören. Nein, von apokalyptischen Weherufen halten sie nichts, Propheten des Untergangs wollen sie nicht sein. Sollen sie ihre Objektivität gefährden, ihre Distanz nach allen ...

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Von vorne LXI

Tagesmail - Mittwoch, den 11. September 2019

Von vorne LXI,

es gibt noch Wunder. BILD feierte in Berlin ein Fest der Freiheit – mit einem bemerkenswerten jungen Palästinenser, der gegen Netanjahus Annexionspläne des Jordantales mit friedlichen Mitteln protestiert hatte.

„Auf der Dachterrasse des Deutschen Parlaments dann Beifall, Blitzlicht, Begrüßung durch BILD-Chef Julian Reichelt.“ (BILD.de)

Eine Schar illustrer Gäste war erschienen, um den mutigen Gast zu feiern. Unter ihnen AKK, Karl Theodor zu Guttenberg, Bundestagspräsident Schäuble und Influencerin Diana zur Löwen.

Mathias Döpfner hielt eine Grundsatzrede, in der er zerknirscht bekennen musste, dass Netanjahu mit seiner nicht enden wollenden Annexionspolitik die „bedingungslose Loyalität“ des Springer-Verlags überstrapaziert habe.

Loyalität zu Israel? Unbedingt, das sei das moralische Grundprinzip seines Hauses, daran werde sich nichts ändern. Zukünftige Loyalität aber nur auf der Grundlage aller Menschen- und Völkerrechte. Ab jetzt werde das zur verlässlichen, aber auch kritischen Maxime von BILD und WELT.

Döpfner wandte sich direkt an die abwesende Bundeskanzlerin und ermahnte sie, nicht länger ihrer arglistigen Demutshaltung zu Israel zu folgen und sich dem neuen Kurs seines Hauses subito anzuschließen. Starker Beifall, besonders von der Parteivorsitzenden und allen VIPs der CDU und CSU.

Selbst Saudi-Arabien, sonst nicht bekannt für glühende Anerkennung dekadenter westlicher Werte, hatte öffentlichen Protest angemeldet:

„Die Ankündigung sei eine "sehr gefährliche Eskalation", die sich gegen das palästinensische Volk richte und eine "eklatante Verletzung" der UN-Charta und des Völkerrechts darstelle.“ (ZEIT.de)

Unter den Gästen kursierte die klammheimliche Vermutung – manche nannten sie Verschwörungstheorie –, dass Israels Premier mit seiner Ankündigung ...

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Von vorne LX

Tagesmail - Montag, den 09. September 2019

Von vorne LX,

Hongkonger Studenten haben es schwer, sich auf führende Politiker des Westens zu berufen, die ihren bewundernswerten Kampf um Freiheit unterstützen könnten. Ohnehin kämen nur zwei in Frage.

Der eine ruiniert die Demokratie durch polterndes Schreddern, die andere durch demütige Leisetreterei. Der eine – wenn er nicht gerade lügt – redet Stuss, die andere schweigt selbst dann, wenn sie vertraute Worte absondert.

Lange vorbei jene Zeiten, als der Westen die übrige Welt durch demokratische Vorbildlichkeit zu beeindrucken verstand oder zur Nachahmung anregte. Ohnehin war es mit der Bewunderung vorbei, als die militärisch überlegenen Westmächte das demokratische Modell mit Waffengewalt zu exportieren begannen.

Die Faszination des Westens erlosch mit dem Ende seiner Glaubwürdigkeit, die sich als Übereinstimmung seiner Worte und Taten verstand.

Seit Jahrhunderten bereits hatten zwei Faktoren dafür gesorgt, dass nicht-westliche Beobachter die Unglaubwürdigkeit der imperialen Christenstaaten immer schmerzhafter empfanden. Es war die Botschaft eines unfehlbaren Glaubens, der vor keiner Form gewaltsamer Missionierung zurückschreckte – und die kapitalistische Ökonomie, die ihre Überlegenheit in religiöser Heilsgewissheit der Welt aufdrang.

Die Bedeutung der Religion ist mittlerweilen abgeklungen. Die Wirtschaft übernahm ihren missionierenden Dogmatismus, sodass alternative Wirtschaftsformen nirgendwo aufkommen konnten. Die Vertreter der offenen Gesellschaft, die angeblich viel von der Widerlegbarkeit eines Systems halten, bevorzugen die allein seligmachende Ausbeutung der Natur und die alternativlose Bereicherung der Reichen auf ...

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Von vorne LIX

Tagesmail - Freitag, den 06. September 2019

Von vorne LIX,

Bettler werden Fürstenbrüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.

Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur  e i n e  Seele
s e i n  nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund.

Tränen standen den Berlinern in den Augen, als sie die gewaltige Botschaft von der Brüderlichkeit hörten, Schillers Worte in Beethovens Musik. Das muss Kultur sein. Kultur für wahre Menschen, für alle Menschen, für Deutsche, Europäer, für die ganze Welt. Es waren Deutsche, die das Kunstwerk der Menschheit zustande brachten! Muss man sich seiner Eitelkeit schämen, wenn man stolz ist auf solche nationalen Genies?

Als sie, noch ganz benommen, sich auf den Heimweg machten, waren sie entschlossen, jeden Menschen als Bruder, ja, selbst als Schwester, zu betrachten, niemanden mehr zu verachten, nie mehr auf Herkunft und Hautfarbe zu achten, jeden Bettler am Wegesrand zu grüßen und im Geiste zu umarmen, die Natur zu retten, das Elend zu besiegen. Alles schien möglich, nichts konnte sich ihrem geschwisterlichen Vorhaben in den Weg stellen. Was darf den Menschen hindern, Mensch zu werden?

Krankhafte Visionen? Träumereien? Sie fühlten sich stark, ja unbesiegbar, das Gerede Unwürdiger zu verachten. Was müssen das für Kreaturen sein, die ...

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