Philosophische Tagesmails

Umwälzung LXXV

Tagesmail - Montag, den 18. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXV,

gestern ging die Welt dreimal unter. Zweimal cineastisch, einmal sportiv. Die Menschheit muss vorbereitet sein, wenn Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorrha fallen:

a) „Eine Reihe von Naturkatastrophen versetzt die Menschheit in Angst und Schrecken. Wissenschaftler stellen fest: das Magma im Erdkern kann nicht mehr zirkulieren, es droht der Untergang der Erde. Prof. XY soll den Stillstand im Erdinneren mit Nuklearsprengstoff beenden. („The Core – der innere Kern“ in SAT1). (Untertanen, hütet euch vor Faulheit und Stillstand, sonst zwingt ihr eure Obrigkeit zum Äußersten)

b) „Die Erde und mit ihr die gesamte Menschheit steht nach vier Angriffswellen („vier apokalyptische Reiter“) durch Aliens kurz vor dem Kollaps. Die Menschen kämpfen um ihr Überleben oder sind auf der Flucht, darunter die Schülerin XY. Sie versucht, ihren von Aliens entführten Bruder zu finden, bevor die fünfte Angriffswelle der Invasoren alles Leben ausradiert. Dazu verbündet sich die Schülerin mit einem Fremden“. (Es wird doch nicht der Messias sein?) („Die fünfte Welle“, RTL)

c) „Das Auftaktspiel unserer Weltmeister – ein Offenbarungseid. Gerade in politisch so ernüchternden Zeiten hätten wir uns diese vier Wochen Glückseligkeit wirklich verdient. Schwarz-Rot-Glück auf dem Platz statt Streit in der GroKo.Was unser Land braucht, sind Zuversicht, Einsatz und Erfolg Made in Germany. Wenn schon Merkel & Co. uns keinen Grund zum Jubeln geben, dann doch bitte Jogi und seine Jungs.“ (BILD.de)

Offenbarungseid? Wenn Offenbarung einschreitet, wird’s ungemütlich. Die Mutterzeiten nähern sich ihrem Ende. Wenn die apokalyptischen Reiter kommen, brauchen wir Männer, made in Germany. Was aber, wenn auch „Jogi und seine Jungs“ versagen?

BILD gebührt das Verdienst, zum ersten Mal unverblümt das Prinzip „Brot und Spiele“ eingefordert zu haben. Wenn schon keine politische GLÜCKSELIGKEIT, dann ...

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Umwälzung LXXIV

Tagesmail - Freitag, den 15. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXIV,

201,9 Billionen Dollar hat die Menschheit zusammengerafft. Ein unfassliches Vermögen. Doch es reicht nicht, um die knapp 8 Milliarden Menschen auf Erden ausreichend zu ernähren oder glücklich zu machen. Es darf nicht reichen. Wären Menschen glücklich, würden sie nichts arbeiten. Für Kapitalisten ist das Paradies ein unausdenkbarer Ort der Pein, ein lustverseuchtes Reich von Nichtstuern und faulenzenden Horden.

Pursuit of happiness: die Menschen sollen nach Glück streben, glücklich werden sollen sie nicht. Dem Glück sollen sie nachjagen, erreichen dürfen sie es nicht. Psychologisch reden wir von einer double bind – die aus zwei Botschaften besteht, die sich gegenseitig ausschließen. Tu etwas – doch wehe, du tust es! Wasch mir den Pelz – aber mach mich nicht nass! Liebe deinen Nächsten – aber schick ihn in die Hölle!

„Die Theorie wurde von einer Gruppe um den Anthropologen Gregory Bateson entwickelt. Sie identifizierten Beziehungsstrukturen, die in der Folge zu Verhaltensformen führen können, die als Schizophrenie bezeichnet werden, und prägten für diese den Ausdruck double bind. Diese Verbindung zur Schizophrenie konnte allerdings empirisch nicht bestätigt werden.“

Natürlich konnte Schizophrenie nicht nachgewiesen werden. Wenn die ganze Menschheit geistesgestört ist, kann der Einzelne es nicht mehr sein: Massenneurose schützt vor Einzelneurose. Welch herrlicher Ausblick: bald haben wir den Status des globalen Wahns erreicht: dann können wir uns den Luxus individueller Diagnosen und Therapien sparen. Warte nur, balde ruhest auch du – im kollektiven Irrsinn.

„Das Finanzvermögen der Deutschen stieg um 4,3 Prozent auf 7,5 Billionen Dollar. Gemessen an der Summe der Vermögen rangiert Deutschland damit weltweit ...

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Umwälzung LXXIII

Tagesmail - Mittwoch, den 13. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXIII,

ein Gleichnis von der verlorenen Tochter – undenkbar in einem Buch männlicher Erlöser und Erlöster. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn war für Adolf von Harnack das Zentrum christlichen Glaubens.

Politische Patriarchen zelebrieren in zunehmendem Maß Geschichten des Heiligen.

„Da schlug er in sich und sprach: Wie viel Tagelöhner hat mein Vater, die Brot die Fülle haben, und ich verderbe im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringet das beste Kleid hervor und tut es ihm an, und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringet ein gemästet Kalb her und schlachtet's; lasset uns essen und fröhlich sein! denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an fröhlich zu sein.
Aber der älteste Sohn war auf dem Felde. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er das Gesänge und den Reigen; und er rief zu sich der Knechte einen und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat ein gemästet Kalb geschlachtet, daß er ihn gesund wieder hat. Da ward er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er aber antwortete und sprach zum Vater: Siehe, so viel Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten; und du hast mir nie einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der sein Gut mit Huren verschlungen hat, hast du ihm ein
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Umwälzung LXXII

Tagesmail - Montag, den 11. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXII,

Countdown in Singapur. Dienstagnacht entscheidet sich – was? Das Schicksal der Welt? Das Schicksal eines westlichen Titans, der demokratische Regeln als Fesseln empfindet und über Bord werfen will? Eines Diktators, der seiner internationalen Isolierung und Bedeutungslosigkeit zu entkommen sucht?

Oder erleben wir nur melodramatisch inszenierte Risikospiele der Supermächtigen, die der Öde und Langweile der Moderne durch Waffengeklirr entkommen wollen? Jener Moderne, die sich durch Fortschritt, Geld und Macht nicht mehr ausreichend unterhalten fühlt?

Welt-Countdown in Singapur. Mann gegen Mann. Nicht 12 Uhr mittags, sondern drei Uhr nachts. Schöpfer aus dem Nichts müssen mit dem Nichts kokettieren, um sich ihrer Omnipotenz zu vergewissern. Hat sich zu viel Unrat auf der Welt angehäuft, muss planiert werden. Siehe, sie schauen auf die Welt und sehen nur Undankbarkeit und freche Aufsässigkeit ihrer missratenen Geschöpfe, denen es zu gut geht, als dass sie sich vor den Giganten des Universums fürchten würden.

Die Erde quillt über von Menschen und Müll: es muss gesäubert werden. Erde vergiftet, Meere verstopft, rund um den Planeten schwirren die Exkremente einer überquellenden Zivilisation. Es muss porentief gereinigt werden. Weiße Leinwand, tabula rasa. Das Nichts ist die Klimax der Schöpfer.

Wenn Männerkolosse ins Gähnen kommen, müssen sie kreativ werden und Heilsgeschichte entwerfen. Es muss Sieger und Verlierer, Erwählte und Verworfene geben. Doch wer ist wer? Bis zum letzten Augenblick muss Unklarheit ...

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Umwälzung LXXI

Tagesmail - Freitag, den 08. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXI,

Entwarnung: es war nicht Angela, es war Alexa, die im Bundestag erwartbar dämliche Fragen mit erwartbar hohlen Antworten abfertigte. Eine glänzende Leistung von Google.

Die Nachfrage nach KI-Imitationsfiguren (Insiderbegriff Creativ-Doubletten, kurz: Credos) aus Kreisen der Eliten, die unter der Last ihrer Vorträge und Podiumsdiskussionen ächzen, schnellte abrupt nach oben.

Talkshow-Experten der Öffentlich-Rechtlichen waren so verblüfft und angetan von der Leistung der Angela-Credo, dass sie kurzerhand beschlossen, die gegenwärtige Fleisch-und-Blut-Version der Schaudebatten für ein Jahr auszusetzen – um sich auf die wesentlich preisgünstigere Alexa-Methode vorzubereiten.

„Der Geschäftsführer des Kulturrats kritisiert die Talkshows in ARD und ZDF. Er empfiehlt den Sendern eine einjährige Pause.“ (ZEIT.de)

Umstritten bleibt die Frage, ob die heutigen Matadore auch als ästhetische Vorlagen der künftigen Credos dienen sollen. Teilnehmer schlugen vor, die abgenutzten Gesichter durch frische und unverbrauchte Show-Größen zu ersetzen. Plasberg könnte durch Dieter Bohlen oder Lothar Matthäus, Maischberger durch Verona Pooth, Illner durch Sommergarten-Moderatorin Andrea Kiewel, Anne Will durch die katholische Religionspädagogin Désirée Amneris Saskia Pamela Aida Nick ersetzt werden.

Für Spannung in der trostlos vor uns liegenden Sommerpause ist gesorgt. Experten erwarten heftige Debatten. Nachfragen bei den Sendern haben ergeben: selbstreferentielle Debatten über das Thema: „Stehen wir vor dem öffentlich-rechtlichen Diskurs-Gau?“ sind aus Termingründen nicht vorgesehen.

Auch das EU-Parlament hatte sich der Öffentlichkeit bei der Befragung des Gesichtsbuchs-Genies Mark Zuckerberg als Lachnummer – Insiderbegriff: Verarsche – präsentiert. Menschheitsfragen sollten in sage und schreibe 70 Minuten tiefgründig ...

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Umwälzung LXX

Tagesmail - Mittwoch, den 06. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXX,

„Alexander Gerst ist ein Abenteurer. Er will weiter, weiter in das All fliegen. Er ist wie Kolumbus. Segeln hinter dem ­Horizont. Die Schwärze des Weltalls, hinter die Schwärze zu kommen, hinter das Rätsel. Wer sind wir? Wohin wollen wir? Helden wie Alexander Gerst werden die Antwort finden.“ (BILD.de)

Bei Helden wären wir bereits wieder angekommen. Bei deutschen Helden. Abenteurern anderer Nationen hätte BILD-Wagner keine Zeile gewidmet. Was nicht made in Germany ist oder – vornehmer formuliert – keine deutsche Identität aufzuweisen hat, ist für Weltraum-Abenteuer ungeeignet.

Schon bevor der Held dort angekommen ist, weiß er: er wird etwas Ungewöhnliches entdecken. Die Heimat. Die Erde als Heimat. Muss jeder Bildungsabenteurer ab jetzt einen Weltraumflug bei Bezos buchen, um diese umstürzende Erkenntnis zu gewinnen? Und wer sich einen solchen nicht leisten kann, wird aus der irdischen Heimat ausgestoßen?

Schon stehen die Milliardäre Schlange, um ihre Heimat, die ihnen bereits zu 99% gehört, aus ungewöhnlicher Besitzer-Perspektive neu zu entdecken. Wer sich täglich neu er-finden will, muss die Welt täglich neu finden. Zuerst aber muss er sie suchen, als ob er ein ewig Fremder wäre, mitten in der Finsternis im Nirgendwo abgeworfen: wo bin ich, wer bin ich und wenn ja, wie viele? Ist das Leben ein Traum? Sein oder Schein? Sein oder Nichtsein? Gibt es uns wirklich? Wahrheit und Wirklichkeit – nichts als Trug und Täuschung? Ich kann an allem zweifeln; nur an meinem Zweifel nicht. Ich zweifle, also bin ich.

„Mit Geworfenheit beschreibt Heidegger die Unausweichlichkeit des Daseins: Das ungefragt in die Welt geworfen worden sein. Der Begriff der Geworfenheit bezeichnet die willkürliche, undurchsichtige und unwissbare Natur, die ...

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Umwälzung LXIX

Tagesmail - Montag, den 04. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXIX,

„Menschsein bedeutet, sich im Besitz der Menschenwürde zu befinden. Die Menschenwürde ist die Grundlage der Menschenrechte, also jener ethischen Werte, die das Verhalten innerhalb der Gesellschaft regeln. Menschsein ist als absoluter Wert zu verstehen, die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv als relativer. Und diese Erkenntnis sollte unsere Debatte über die Menschen in Deutschland bestimmen.“ (SPIEGEL.de)

Bemerkenswerte Sätze von Ulrich Wickert, die in Deutschland selten zu hören sind. Wickert beruft sich auf den französischen Aufklärer Montesquieu, der von sich sagte, „er sei aus Notwendigkeit Mensch, aus Zufall Franzose. Während Montesquieu eine Person zuerst Mensch sein lässt und ihn dann mit einer jeweiligen zufällig erworbenen nationalen Identität versieht, wird den Deutschen vorgeworfen, sie würden umgekehrt denken: "«Ich bin aufgrund meines Wesens Deutscher und dank meiner deutschen Qualität Mensch.» Andersherum gesagt: Ich bin als Deutscher ein besserer Mensch.“

Schon wären wir am Kern des Problems: die Deutschen wollen die Besseren sein. Wollen das nicht alle Nationen? Amerikaner, Chinesen, Russen, Polen, Israelis, Engländer, Franzosen? Viele Völker nennen sich selbst: die Menschen, die Erwählten – für andere bleibt dann nur noch: Barbaren, Ungläubige, Heiden; Verworfene und Verfluchte.

Gelegentlich auch „die Wilden“. Hier schwankt die Einschätzung. Anfänglich waren die bösen Wilden dazu da, um ausgerottet zu werden. In der Aufklärung verwandelten sie sich in edle Wilde. Danach wieder ein Rösselsprung zurück.

Edle Wilde sind heute „geschlossene Gesellschaften“, bitterarme, zivilisations- und fortschrittsunfähige Eingeborene, deren Tage auf Erden gezählt sind. Man muss sie nicht mehr köpfen, wie die ersten Missionare in Nächstenliebe anordneten. Man plündert ihre Urwälder, gräbt ihnen das Wasser ab – und schon sind sie ...

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Umwälzung LXVIII

Tagesmail - Freitag, den 01. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXVIII,

„ein Affe Gottes, von gelber Farbe, Verkörperung der sieben Todsünden Stolz (Luzifer), Habgier und Geiz (Mammon), Wollust (Asmodeus), Zorn (Satan), Völlerei (Beelzebub), Neid (Leviathan) und Trägheit (Belphegor)“. Für Kant war er „die Idee des absoluten Egoismus“.

Von wem ist die Rede? Von Trump oder vom Teufel?

„Da müssen wir theologisch nachbessern.“

Gottesgelehrte zeigen uns den rechten Weg zum nervus rerum der Zeit: „Theologen scheuen sich heute vor der Frage, ob der Teufel existiert. Diese Frage müssen wir aber wieder diskutieren. Gott ist kein Sugardaddy. Wir sollen ihn fürchten und lieben, wie Luther im kleinen Katechismus sagt.“ (WELT.de)

Der Teufel konnte jede Gestalt annehmen. Er war unberechenbar und erfand sich täglich neu. Urchristen nannten ihn Antichrist. Vom wahren Christus war er kaum zu unterscheiden.

„Wenn dann jemand zu euch sagt: Seht, hier ist der Messias!, oder: Seht, dort ist er!, so glaubt es nicht! Denn es wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, die Auserwählten irrezuführen. Ihr aber, seht euch vor! Ich habe euch alles vorausgesagt.“

Der Unterschied zwischen Christ und Antichrist wurde nirgendwo erklärt. So wenig wie heute der Unterschied zwischen Populisten und demütigen Kanzlerinnen. Beide benutzen die gleiche Hoffnungssprache. Beide versprechen das Paradies. Die einen im Hier und Jetzt, die anderen im Danach: erst müssten wir das uns zugeteilte Maß an Unheil ertragen, bis wir das Heil verdient hätten. Der Triumph Trumps, die ...

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