Philosophische Tagesmails

Von vorne XXV

Tagesmail - Freitag, den 14. Juni 2019

Von vorne XXV,

Symbiosen können trügen. Doch! Es gab eine deutsch-jüdische Symbiose – auf trügerischem Boden. Als der Boden einbrach, enthüllten sich Abgründe von Grauen.

Die deutsch-jüdische Symbiose war keine verständnis-durchflutete Einheit. Sie war eine uralte, multiple Überidentität, die die Ursachen der gegenseitigen Anziehungskraft und Feindschaft verleugnete. Den – in Bewunderung und Hass verbundenen – Anderen kann man nur verstehen, wenn man sich selbst verstehen will. Wollen die Deutschen sich verstehen, wollen die Juden sich verstehen?

Nach der Urkatastrophe im Dritten Reich gab es staatlich verordnete Reue und guten Willen auf Seiten der Täter – auf Seiten der Opfer die Bereitschaft, den Tätern zwar nicht zu vergeben, aber eine zweite Chance einzuräumen. Eine Katharsis ist nicht in Sicht.

Unter friedlichen Vorzeichen herrschen heute Misstrauen, permanente Spannungen und untergründige Gereiztheiten. Das Verhältnis gleicht einer gegenseitigen Belagerung mit feierlichen Beschwörungen und abrupten Vorwürfen. Man geht auf Eis, das jederzeit einbrechen kann – oder auf glühenden Kohlen, deren Verletzungsgefahren man als unvermeidliche hingenommen hat. So schleppt man sich von Krisen zu Treueschwüren, von Aggressionen zu Loyalitätsbekundungen.

Israel kritisierte den deutschen Außenminister, weil er Anne Frank mit den Worten gewürdigt hatte:

„Ihr Tagebuch ist aktueller denn je – als Mahnmal gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung und als Zeichen der Menschlichkeit. Von ihr können wir lernen.“  

Darauf erwiderte der Sprecher des israelischen Außenministeriums:

„Anne Franks Tagebuch ist keine Warnung über beliebige pseudo-universelle Werte! Anne Franks Erbe ist eine Warnung vor dem Hass und der Verfolgung von Juden. Der Versuch, die ‘Lehren der Shoah zu universalisieren‘ ist nichts weiter als eine ...

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Von vorne XXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 12. Juni 2019

Von vorne XXIV,

„Eine lang anhaltende Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius ist in Nord- und Zentralindien inzwischen zu einer erheblichen Gefahr für Menschen und Infrastruktur geworden. Die extremen Temperaturen lassen den Asphalt auf den Straßen schmelzen. Doch überraschend kommt die Hitze nicht. Seit Jahren sagen Klimamodelle voraus, dass die extremsten Hitzesommer häufiger werden.“ (Spektrum.de)

Ein deutscher Edelschreiber der Spitzenklasse hat das Klimaproblem gelöst und den Indern die tröstliche Botschaft zukommen lassen:

„Warten wir doch ab, bis der Hype abgeklungen ist.“ (WELT.de)

In einem Anhang erläuterte der Trostspender die Gründe seiner Frohen Botschaft:

„Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. Wir warten der Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss. Wir warten auf die Erlösung unseres Leibes. Und wartet, bis seine Feinde zum Schemel seiner Füße gemacht werden.“

Wer warten kann, darf seine Feinde mit Füßen treten, wer diabolischen Aktivismus vermeidet, wird Wunder erleben. Es gibt kein Harren ohne erhofften Lohn. Ein Experte des Abwartens, rein zufällig ein Gottesgelehrter, weiß, warum Nichtstun sich lohnt: brauchst du Gott? Schon ist er da!

„Die Menschen praktisch aller Kulturen seit Urzeiten waren religiös. Es gehört zum Menschsein. Der Mensch hätte keine Augen, wenn es kein Licht gäbe. Und er ...

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Von vorne XXIII

Tagesmail - Montag, den 10. Juni 2019

Von vorne XXIII,

einen planetarischen Bürgerkrieg gibt es noch nicht – eine planetarische Völkerbewegung aber wogt rund um die Erde. Die Völker spüren es, können es immer genauer in Worte fassen, immer lautstarker hinausschreien: wir müssen von vorne beginnen.

In welchem Land gibt es noch keine Demonstration der Massen? Gäbe es keine Bajonetten- und Überwachungsregimes, die das Selbstbestimmungsrecht ihrer Nationen mit Kanonen und Algorithmen am Boden zerstören würden, wäre die globale Menschheit schon längst der einhelligen Meinung:

Wir müssen Natur retten, um uns zu retten,
wir müssen Freiheit und Gleichheit retten, damit wir ein erfülltes Leben führen können.

Ist der Mensch wirklich so verkommen, so unfähig, seine Geschicke selbst zu gestalten, wie überhebliche Männerklassen seit 1000en von Jahren mit immer neuen Religionen und Ideologien die Welt verpesten, um sich die Berechtigung zu erschleichen, die Menschheit an Ketten zu legen – weil sie unfähig sei, sich selbst zu regieren?

Vergesst den sündigen, blindwütigen, vernunfthassenden Brudermörder und Schwesternschänder. Die Völker haben bewiesen, dass sie sich aus ihren Schrecken und Verirrungen befreien und zu Kämpfern der Menschlichkeit entwickeln konnten. Noch vieles ist zu tun. Wir stehen auf der Schwelle, wo Blindheit sich in Wahrnehmung, Taubheit in Wachsamkeit und Stumpfheit in Sensibilität verwandeln.

Synchrone Verbundenheit der Gattung ist keine emotionale Selbstüberdehnung der Menschheit, die sie überfordern würde – wie deutsche Barriere-Seelen behaupten. Die Weltgemeinschaft, die sich zu einer einheitlichen Zivilisation zusammenschloss, hat, trotz allen Haders und Streits, ihr gemeinsames Schicksal entdeckt. Es dämmert den Misstrauischsten und Argwöhnischsten, dass wir nur zusammen ...

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Von vorne XXII

Tagesmail - Freitag, den 07. Juni 2019

Von vorne XXII, 

„Mein Professor hat mir neulich gesagt, dass es den Klimawandel nicht gibt. Als ich ihm aufgezählt habe, welche Auswirkungen extreme Temperaturunterschiede schon jetzt auf Uganda haben, meinte er, dass sich das Klima ändert, weil es Gottes Entscheidung ist. Er hat mir gesagt, dass er älter wäre und mehr als ich weiß. Wenn ich jetzt noch einmal seine Vorlesungen am Freitag verpasse, lässt er mich durchfallen.“ (Nakabuye Hilda Flavia, 22, Studentin aus Uganda) (SPIEGEL.de)

Wer die Welt rettet, ist gottlos. Wer die gottlose Welt rettet, ignoriert die Wahrheit der Alten – und fällt durch. Wer die Welt der Alten und ihrer unfehlbaren Götter rettet, um den Jungen eine Chance zu bieten, verletzt das Heilige. Wer das Heilige verletzt, muss geächtet werden:

„Das Grundgesetz ist in einer radikal säkularen Welt unsere heilige Schrift, der Bundestag eine Art heiliger Ort unserer Demokratie. Wir Demokraten sollten ihn als solchen würdigen und nicht für jeden noch so zähen Gag missbrauchen.“ (WELT.de)

Sollte säkular weltlich-heidnisch bedeuten, wäre Demokratie das Zentrum heidnischer Vernunft – inmitten einer heilsgeschichtlichen Moderne. Was die Jungen taten, indem sie für ein humanes Klima mit szenischer Darbietung eintraten, war das Demokratischste, was der Bundestag seit langem erlebte. Seit den Grundsatzdebatten kurz nach dem Krieg hat es Eindrucksvolleres dort nicht mehr gegeben. Der Einzug des Neoliberalismus, der Sieg der Grokos und der geisttötenden Kompromisse hat die agonale Wahrheitssuche im Parlament erstickt.

Hätten die Jungen ihre Aktion als künstlerisches Happening angekündigt, wäre es ästhetisch preisgekrönt worden. Inzwischen erleben wir die komplette ...

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Von vorne XXI

Tagesmail - Mittwoch, den 05. Juni 2019

Von vorne XXI,

woran erkennt man politische Genies? Sie häuten sich täglich und schaffen es, ihre Fehler und Versäumnisse darzustellen, als seien sie von andern. Sie allein seien fähig, die Scherbenhaufen ihrer Vorgänger und Rivalen wegzuräumen.

Von ihren Altlasten distanzieren sie sich, weil sie die Kunst der Selbst-Exkulpierung beherrschen. Den Satz des Evangelisten, alle Lasten werfet auf Ihn, variieren sie zur Politmaxime: alle Schuld werfet auf eure Konkurrenten, schaut nicht zurück – und gehet frisch ans Werk, als wärt ihr neugeboren.

Neu geboren heißt: der alte Adam ist ersäuft. Das christliche Abendland kennt keine Schuld. Nicht, dass es Schreckliches nicht getan hätte – die Kunst der Selbstvergebung durch tägliche Neugeburt aber verwandelt die Schuld in Belanglosigkeiten einer abgetanen Vergangenheit.

Kreuzzüge, Hexenprozesse, Inquisition? Wissen wir doch alles: Schnee von gestern. Listigerweise sorgten sie vor, dass Geschichte sich nicht wiederhole, weshalb sie glaubten, rücksichtslos ins Offene stürmen zu dürfen. Bestehe doch keine Gefahr, dass die Sünden sich wiederholen könnten.

Erinnern, wiederholen, durcharbeiten: damit das Dunkle und Unbewältigte sich nicht wiederhole? Haben sie nicht nötig. Alles haben sie bewältigt durch den täglichen Akt der Wiedergeburt. Aus demselben Grund existieren für sie keine Widersprüche.

Vor Monaten sprachen Sie ganz anders als heute, Frau Merkel, wie erklären Sie Ihren Widerspruch?

Solche Widersprüche sind doch an den Haaren herbeigezogen. Ich erfinde mich täglich neu und schaue nicht zurück. Wissen Sie nicht, wie es Lots Frau erging? Bin ich denn mit Lot verheiratet?

Gelächter auf der Bundespressekonferenz. Alle Kommentatoren schrieben: Wie ...

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Von vorne XX

Tagesmail - Montag, den 03. Juni 2019

Von vorne XX,

O Freunde, nicht diese Töne!
sondern lasst uns angenehmere anstimmen,
und freudenvollere.
Freude!

Also reden wir vom Weltuntergang. Nur Freunde des Lebens können über ihn reden. Wer von Untergangsängsten gepeinigt wird, klammert sich an die dürftigste Illusion – über die er lachen würde, wenn er sich seines Lebens freuen könnte. Gibt es doch nur eine Chance auf Weiterleben: wenn wir uns freuen würden, dass wir diese Chance haben. Wer das Leben als Strafe ansieht und den Tod als Eingang in ewige Pein, will Schluss machen mit allem.

Fast alle Völker kennen den Weltuntergang. Auch diejenigen, die unverändert im Schoß der Natur leben – und dennoch keine Pessimisten sind. Sie glauben an das Leben. Ihr Weltuntergang ist Welterneuerung.

Naturreligionen sind nicht blind. Sie sehen die Gefährdungen des Lebens, die Lasten, die sich anhäufen, die Verfehlungen des Menschen an der Natur, die seiner Hybris entspringen und korrigiert werden müssen. Auf menschliche Überheblichkeit folgt Nemesis, die Macht der Vergeltung. Hybris ist kein Stolz auf eigenes Können, sondern „mutwillige Gewalt, Gier und Lüsternheit, Frevel und Vergewaltigung, kurz: Unrecht an Mensch und Natur.“

Götter der Vergeltung sind keine irrationalen Rachegötter, sondern stellen das Gleichgewicht wieder her, ohne das eine Symbiose zwischen Mensch und Natur unmöglich wäre.

Das ist der Sinn ursprünglicher Moral, die dem Menschen nicht von Oben aufoktroyiert werden muss. Moral ist die Summe der Erfahrungen des Menschen, keine willkürlichen Setzungen, um ihn zu überfordern und als Missgriff der Natur ...

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Von vorne XIX

Tagesmail - Freitag, den 31. Mai 2019

Von vorne XIX,

„wenn wir ins Offene gehen und Neuanfänge wagen, dann ist alles möglich.“ (ZEIT.de)

Amerika ist sich untreu geworden. Laßt uns ins Offene gehen: nach Deutschland. Deutschland ist das bessere Amerika. Kinder erziehen ihre Eltern. In bleierner Zeit wollen die Befreier Deutschlands von ihren deutschen Zöglingen an die Hand genommen werden. Jetzt sollen die Erzogenen beweisen, dass sie ihre Lektion gelernt haben und sich in Wort und Tat bedanken können. Aeneas nimmt Anchises, seinen blinden und gelähmten Vater, auf die Schultern, um dem brennenden Troja zu entkommen.

„Komm! ins Offene, Freund!

Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.

Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
Was wir wollen, und scheint schiklich und freudig zugleich
.

Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei

(Hölderlin, Der Gang aufs Land)

Das Offene ist hier der Gang aufs Land, das schickliche und freudige Leben bei Mahl, Tanz und Gesang. Der Leser des Gedichts soll „offen sein für eine Wiederkehr der Harmonie von Natur und Menschenwelt“. Er soll kosten und schauen nicht das Mächtige, sondern die Fülle des Landes.

Bei IHR - ist das Offene das Gegenteil:

„Reißen Sie die Mauern von Ignoranz und Engstirnigkeit ein, denn nichts muss so ...

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Von vorne XVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 29. Mai 2019

Von vorne XVIII,

das Geheimnis ist gelüftet. Merkel selbst war es, die den innersten Beweggrund ihres politischen Werdegangs entlarvte:

„Immer wieder begegnet man neuen, faszinierenden Menschen. Und das ist für mich der wichtigste Kraftquell für Politik.“ (BILD.de)

Als mächtige Politikerin kommt man – trotz defekten Fluggeräts – herum in der Welt. Bei knapp 8 Milliarden Menschen auf dem Planeten wird es doch EINPROZENT interessante Gattungsexemplare geben. Wer unter Politik eine aktive Gestaltung menschlicher Verhältnisse verstand, wird ab jetzt eines Besseren belehrt. Es geht um passives Begeistert-werden.

Faszination ist „die Ausübung eines mächtigen oder unwiderstehlichen Einflusses auf die Neigungen des Gemütszustand oder der Leidenschaft“. (Wiki)

Besonders zu empfehlen für eher leidenschaftslose Wesen, denen man eine psychische Anämie zu bescheinigen pflegt.

Niemand komme jetzt auf die falsche Fährte.

„Ich hätte mich sicherlich nicht zu diesem Interview bereit erklärt, wenn ich nicht Lust hätte, noch ein bisschen etwas politisch zu sagen.

Untersuchungen renommierter Kommunikationswissenschaftler haben ergeben, dass in Merkels Vokabular eine unscheinbare Floskel übersignifikant vorkommt: „ein bisschen“.

Framingexperten haben die Floskel als Versuch gedeutet, die exponierte Stellung der Sprecherin durch ostentative Bescheidenheit zu kompensieren. Merkel hatte ...

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